Anthony Romaniuk: Bells; Montage: rbbKultur
Alpha Classics
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ALBUM DER WOCHE | 26.10. – 01.11.2020 - Anthony Romaniuk: "Bells"

Ein Orgelton oder die Bordunquinte als gemeinsamer Nenner unterschiedlichster Musikstücke und, wie sich herausstellt, auch Kulturen, Zeiten, Menschen - das war der Ausgangspunkt des Albums "Bells" von Anthony Romaniuk. Werke aus siebenhundert Jahre Musikgeschichte, gespielt auf vier verschiedenen Tasteninstrumenten: Cembalo, Hammerklavier, Konzertflügel und Fender Rhodes.

"Bells", die Glocken, drücken es aus: das menschliche Urbedürfnis nach Ordnung, Verlässlichkeit, einem vertrauten Klang. Für den australischen Pianisten Anthony Romaniuk waren sie der Beginn einer Suche nach etwas, das epochen- und kulturübergreifend in unterschiedlichster Musik existiert. Ihrem heimatlosen Element sozusagen.

"Ich wollte so viel Musik wie möglich aus der westlichen Klassik-Tradition finden, die man aus ihrem Kontext herauslösen könnte und die sich nicht wie 'Klassik' anfühlen würde…und der direkteste Weg für mich, solche Musik zu finden, waren Stücke, die einen Orgelpunkt oder die Bordunquinte als Basis haben."

Stücke wie eine Playlist

Von William Byrd bis Chick Corea kann man sie finden. Von der Dudelsackmusik aus Bartóks Mikrokosmos bis zu Schuberts Leiermann, über den Anthony Romaniuk eindrucksvoll improvisiert. In der Hauptsache konzentriert er sich auf Teilstücke größerer Werke, wie man sie auch in einer locker zusammengestellten Playlist finden könnte.

Den Zwang, sämtliche Sätze oder Stücke eines Werkes immer vollständig zu spielen, hält Romaniuk für veraltet:

"Es ist ein bisschen wie ein Gefängnis. Ich verstehe, warum wir die Stücke so spielen. Weil der Komponist/die Komponistin es so wollte. Und das ist wichtig. Trotzdem: als Interpret*innen sollten wir in dieser Hinsicht nicht fundamentalistisch sein. Wir müssen verstehen, dass Stücke nicht notwendigerweise in dieser perfekten, Vakuum-verpackten Form existieren müssen."

Vier Instrumente, vier Sprachen

Anthony Romaniuks Zusammenstellung ermöglicht einen unverstellten Zugang zur Musik, was auch an der Wahl seiner Instrumente liegt: Cembalo, Hammerklavier, Konzertflügel, Fender Rhodes: Jedes dieser Instrumente habe seine ganz eigene Sprache, meint Romaniuk, seine eigene Poesie:

"Als ich angefangen habe, Leuten von meinem Projekt zu erzählen, war da ein Interesse, das ich vorher nie erlebt hatte. Die Leute waren überrascht auf eine sehr angenehme Art. Von diesem Mix der Timbres, Mix der Instrumente, Mix von nicht-improvisierter und improvisierter Musik. DAS hier schien eine Entdeckungsreise wert zu sein."

Musikalischer Reifeprozess

Tatsächlich ist das Album "Bells" kein Schnellschuss, sondern bringt zusammen, was Anthony Romaniuk lange unvereinbar schien: seine Jazz-Vergangenheit, die Klassische Ausbildung und ein Know-How in Sachen Pop-Appeal. Man hört unterschiedliche Facetten und Lebensstationen eines Musikers, der über viele fruchtbare Umwege zu einer klaren Haltung gelangt ist. Und zu einem unerschöpflichen Thema. Bells. Diese Glocken läuten für jeden, mal geradlinig, mal ganz frei, ohne akademische Eitelkeiten und ohne den Hörer*innen etwas beweisen zu müssen.

Fanny Tanck, rbbKultur