Antonio Vivaldi: Fagottkonzerte Vol. 5; Sergio Azzolini © Naive
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Album der Woche | 25.05. - 30.05.2021 - Antonio Vivaldi: Fagottkonzerte Vol. 5

Der Italiener Sergio Azzolini hat für die ambitionierte "Vivaldi Edition" des Labels Naïve gerade seine fünfte CD mit Fagottkonzerten Antonio Vivaldis veröffentlicht. Darauf hat er seine Vision eines Vivaldi-Orchesters verwirklicht, die in einen wahren Klangrausch gemündet ist.

Der "rote Priester" Vivaldi hat 39 Konzerte für Solofagott komponiert, so viele wie sonst niemand. Das bietet Sergio Azzolini, dem herausragenden Barockfagottisten der Gegenwart, eine ideale Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Denn er darf alle diese Werke für die historisch informierte Vivaldi-Gesamtedition von Naïve aufnehmen.

Crescendo

Die Inhalte der vorgesehenen sechs CDs hat er als eine Art Crescendo organisiert, wie er es nennt, denn er hat die Besetzungen vom Kleinen hin zum Opulenten gesteigert. In Folge 5 ist nun seine Vision realisiert, "dass Vivaldi auch mit einem großen Orchester gespielt werden darf". Da, wo Ensembles gewöhnlich mit höchstens einem Dutzend Mitwirkenden operieren, lässt er seine Formation L’Onda Armonica mit insgesamt 34 Musikerinnen und Musikern aufspielen.

Historische Vorbilder

Diese große Besetzung sei aber kein "Spaß an der Menge", betont Azzolini. Vielmehr legen es manche Quellen nahe, dass sie auch im 18. Jahrhundert an manchen Orten üblich war. So bestand das Mädchenorchester im venezianischen Waisenhaus Ospedale della Pietà, in dem Vivaldi viele Jahre als Musiklehrer tätig war, aus bis zu 40 Musikerinnen. Und das gründliche Quellenstudium von Noten aus der Dresdener Hofkapelle hat den Ensemblechef zur Erkenntnis gebracht, dass die Vivaldi-Streicherformation auch dort um Blasinstrumente erweitert worden sein dürfte.

Generalbassvielfalt

Besonders vielfältig fällt auf dem neuen Album auch der Basso continuo-Apparat aus. Neben einer Reihe von Zupf- und Tasteninstrumenten stechen hier drei zusätzliche Fagotte sowie ein "Fagotto grande", ein Kontrafagott, heraus. Allesamt kommen sie im C-Dur-Konzert, RV 467, zum Einsatz, wobei jedes Instrument eine spezifische eigene Aufgabe zugeteilt bekam, "um die verschiedenen Stufen von Dynamik zu erreichen, die tatsächlich in der Partitur notiert sind", wie Azzolini erklärt.

Alchemist

Sergio Azzolini betätigt sich hier als der Klang-Alchemist, für den er auch Vivaldi hält. Er mischt seine persönliche Vision mit dem, was er recherchiert hat und was er zwischen den Zeilen von Vivaldis Noten angedeutet sieht. Vivaldis Musik schwingt seiner Ansicht nach zwischen Frühbarock und Klassik, gelegentlich "mit dem Ausdruck von Sturm und Drang und mit Momenten, in denen die Musik schon ein bisschen wie ein Teil von einer Beethoven-Sinfonie klingt."

Pompöse Werke

Seinen visionären Orchesterklang würde Azzolini allerdings nicht jedem Fagottkonzert von Vivaldi überstülpen. Vielmehr hat er ganz bestimmte Werke ausgewählt, "die zum Teil einen pompösen Charakter haben. Auf Italienisch könnte man sagen ‚Il concerti per le solennità‘, quasi Event-Konzerte, die für besondere Aufführungen in der Kirche, aber auch für Zeremonien außerhalb der Kirche vorgesehen gewesen sein könnten."

Brillant

Diese Werke führt er zusammen mit seinem Ensemble auf brillante Art und Weise auf, mit einer satten Continuo-Grundierung, mit ungeheurem Klangfarbenreichtum und mit stupendem Solospiel. Azzolini gelingt es wie kaum einem zweiten, den dunklen, brodelnden Bassbereich des Barockfagotts genauso hervorzuheben wie die bewegten und hellen Tenoranteile am Klang seines Instruments.

Kadenzen

In einer Reihe von Sätzen hat der Solist interessante Kadenzen eingefügt. Diese hat er teilweise von Violinkonzerten Vivaldis übernommen, die in den Quellen häufig zwischen Geigenstimmen versteckt sind. Nicht einmal ein Drittel seiner Kadenzen seien bisher bekannt und katalogisiert, sagt Azzolini. Mit umso größerer Lust hat er auf der Basis wiederentdeckter Originalkadenzen seine eigenen Soloabschnitte improvisiert.

Affekte

Der ungewohnte, sehr opulente Vivaldi-Klang mag beim ersten Hören gewöhnungsbedürftig sein. Gewiss ist viel Spekulatives dabei, allerdings sind es begründete Spekulationen. Und: Sergio Azzolini geht es bei seinem Experiment nicht um die äußere Wirkung. Er sagt: "Ich und wir alle zusammen haben nicht den Effekt gesucht und es wäre sehr schade, wenn das missverstanden würde. Um was es mir geht sind die Affekte, um Gefühle, so wie sie in der Barockmusik ausgedrückt wurden."

Mühsame Organisation

Sergio Azzolini hat mit seinem Ensemble L’Onda Armonica einen ebenso fulminanten wie faszinierenden Beitrag zur Realisierung von Vivaldi-Solokonzerten geliefert. Dass ihm dies gelang, ist umso höher zu werten, wenn man sich die Situation seines 2013 gegründeten Ensembles vor Augen führt. Denn es existiert nicht nur ohne Webseite, Manager und Sponsoren, sondern der digital-averse Ensemblechef hat die Aufnahme ganz ohne Mobiltelefon und Computer organisiert. Das sei angesichts der vielen Beteiligten ein Wunder gewesen, sagt er. Neben viel Idealismus sei dies vor allem der großen Leidenschaft zu verdanken, mit der alle Musiker bei der Aufnahme mitwirkten.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur