Astrig Siranossian: Dear Mademoiselle; Montage: rbbKultur
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ALBUM DER WOCHE | 23.11. – 29.11.2020 - Astrig Siranossian: "Dear Mademoiselle. A Tribute to Nadia Boulanger"

Was haben Igor Strawinsky, Astor Piazzolla, Quincy Jones und Daniel Barenboim gemeinsam? Bei ihnen allen laufen die Fäden zusammen zu einer bedeutenden Musikerinnen-Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts: Nadia Boulanger. Pianistin, Organistin, Dirigentin, auch Komponistin, vor allem aber Musikpädagogin. Musiker aus aller Welt kamen nach Paris, um bei ihr zu studieren.

Die junge französische Cellistin Astrig Siranossian hat ihr jetzt ihr neues Album gewidmet. Siranossian ist in Berlin nicht unbekannt, spielt im Boulez Ensemble und war Solo-Cellistin im West-Eastern-Divan-Orchestra.

Nur selten gespielt

Ob "Mademoiselle", so der Spitzname von Nadia Boulanger, selbst eine große Komponistin war? Das Urteil möchte Astrig Siranossian lieber anderen überlassen. Ihre Werke spielt die Cellistin aber immer wieder gern und hat von Nadia Boulanger drei Stücke in ihr neues Album integriert. Sie bewundere die "Mademoiselle", sagt Siranossian. Und sie finde es aufregend, Werke zu interpretieren, die weniger bekannt seien und nicht so häufig gespielt würden.

"Nadia Boulanger wollte eigentlich nie, dass man ihre Kompositionen aufführt. Mir macht es trotzdem Freude, die drei Stücke mit einem Publikum zu teilen. Und wenn für die Hörer dabei eine Entdeckung herausspringt, dann sehe ich meine Rolle als Interpretin erfüllt."

Daniel Barenboim – studierte Kontrapunkt bei "Mademoiselle"

Den Klavierpart in diesen drei Stücken hat Daniel Barenboim übernommen. Auch er: einst Schüler bei Nadia Boulanger. Unter anderem Kontrapunkt hat er bei ihr studiert. Eines der großen Felder von "Mademoiselle". Besonders zu hören im zweiten der drei Stücke.

Vom französischen Impressionismus zu Edith Piaf

Im ersten schimmert ein wenig französischer Impressionismus durch. Und im dritten wird’s modern. Und: Man könne an das französische Chanson denken, findet Astrig Siranossian.

"Es gibt da in der Mitte eine Stelle, die erinnert mich an Edith Piaf. Eine in Frankreich durchaus volkstümliche musikalische Sprache. Ich finde es ziemlich charmant, das für Cello und Klavier gesetzt zu haben."

Ein Album mit stilistischer Bandbreite

Klassisches, Populäres, Avantgarde. So wie Nadia Boulanger selbst unterschiedliche Musikstile und –sprachen in ihren Kompositionen vereint, genauso zieht sich diese Bandbreite durch die CD. Am Anfang steht zum Beispiel ein Tango. "Le Grand Tango" für Cello und Klavier von Astor Piazzolla. Astrig Siranossian spielt hier mit ihrem regelmäßigen Klavierpartner Nathanael Gouin. "Das ist nicht einfach eine Melodie. Es ist diese gedämpfte, verruchte Stimmung, die ich in den argentinischen Clubs gefunden habe. Und mir gefällt dieser Übergang vom langsamen zum schnellen Tango."

Tango: aus der Unterwelt zur neuen Musik

"Dein Tango ist die neue Musik. Und sie ist ehrlich", soll Nadia Boulanger zu Piazzolla gesagt haben. Er hat in den 50er Jahren bei ihr in Paris studiert. In Argentinien galt Tangomusik zu der Zeit als halbseiden, als schmutzig, als Musik der Unterwelt. Piazzolla befolgte Boulangers Rat: Er nahm den Tango genauso ernst wie die "ernste" Musik.

Le Grand Tango ist ein Paradebeispiel – dafür, wie Piazzolla Elemente des Jazz, des Tango und verschiedener Strömungen der klassischen Musik miteinander verknüpft. Piazzolla machte den Tango zu einer eigenen Kunstform. Nicht zuletzt angeregt durch Nadia Boulanger.

Rückkehr zum Neoklassizismus

Auch in der Suite Italienne von Igor Strawinsky finden sich wohl Spuren von Nadia Boulanger. Denn unter anderem war sie es, die Strawinsky in seinem unverwechselbaren neoklassizistischen Stil bestärkte. Über 40 Jahre lang kommunizierten die beiden miteinander.

Astrig Siranossian; © Nikolaj Lund
Bild: Nikolaj Lund

Ein Zeugnis geistiger Offenheit

Die Cellosonate von Elliot-Carter, "Tissue No. 7" von Philipp Glass, Filmmusik von Michel Legrand. All das gehört mit zur bunten Welt der Nadia Boulanger.

"Es zeigt ihre große geistige Offenheit, dass sie so unterschiedliche Komponisten geprägt hat, sämtlicher Genre, auch Filmmusik und Jazz", so Astrig Siranossian.

Selbst Quincy Jones, den Produzenten von Michael Jackson hat Nadia Boulanger maßgeblich beeinflusst. Er kam 1957 zum Studium bei "Mademoiselle" nach Paris – zwei Wochen sollte der Unterricht in Orchestrierung dauern. Es wurden fünf Jahre daraus. Die Bandbreite der CD – sie ist nicht nur für neugierige Hörerinnen und Hörer spannend, sondern genauso für die Interpretin Astrig Siranossian:

"Man kann Quincy Jones nicht genauso wie Strawinsky spielen und Piazzolla nicht wie Philip Glass. Ich habe versucht, den Komponisten so gerecht wie möglich zu werden. Auf jeden Fall hat das mein Klassik geprägtes Universum erweitert. Und ein Erfolg ist das Album für mich, wenn Leute etwas Neues für sich entdecken und mir sagen: "Ah, das habe ich ja noch gar nicht gewusst!"

Antje Bonhage, rbbKultur