Johann Sebastian Bach: Cellosuiten BWV 1007-1012; Benedict Kloeckner © Brilliant Classics
Brilliant Classics
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Album der Woche | 22.11. - 28.11.2021 - Johann Sebastian Bach: Cellosuiten BWV 1007-1012

Mit seinen 32 Jahren zählt der Cellist Benedict Kloeckner zu den begehrtesten und aktivsten Solisten seiner Generation. Mit 14 begann er sein Studium bei Martin Ostertag an der Musikhochschule in Karlsruhe, setzte es an der renommierten Kronberg Academy fort und holte sich weitere künstlerische Unterstützung bei Gidon Kremer, Steven Isserlis, Michael Sanderling und Sir Andras Schiff. Kloeckners Repertoire und Diskografie zeigen eine beeindruckende Bandbreite. Auf seinem neuen Album kombiniert er Bach mit zeitgenössischen Werken.

Als der Lockdown im vergangenen Jahr das Konzertleben zum Erliegen brachte, halfen Bachs Cello-Suiten Benedict Kloeckner dabei, seine Tage im unfreiwilligen Homeoffice positiv zu strukturieren:

"Die Bach-Suiten sind natürlich für uns Cellisten – kann man schon so sagen – das Alte Testament“, erzählt er. “Als diese Situation des Lockdowns sich doch relativ überraschend manifestierte, war man wirklich auf sich selbst zurückgeworfen und dann konnte es natürlich kein besseres oder schöneres Stück als die Bach-Suiten geben."

Von Paris in die virtuelle Welt

Tagsüber wurde geübt und analysiert, abends konzertierte Benedict Kloeckner in seiner Pariser Wohnung via Facebook für ein virtuelles Publikum.

"Als Cellist begleitet einen das ja das ganze Leben, diese Cello-Suiten. Und es war eigentlich schon ein lang gehegter Wunsch oder Traum, diese Suiten aufzunehmen."

Welche Zeit wäre besser geeignet gewesen, um diesen Traum umzusetzen? Im normalen Konzertbetrieb bleibt sonst kaum die Zeit, sich monatelang ganz ohne Ablenkung nur auf ein Projekt zu konzentrieren.

Benedict Kloeckner, Cellist © Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Ein Echo unserer Zeit

Doch Kloeckner wollte sein neues Album nicht auf die Suiten von Bach beschränken, sondern auch ein Echo unserer Zeit mit aufnehmen. So gab er sechs zeitgenössische Kompositionen in Auftrag, die er zwischen die Suiten von Bach einfügte.

"Natürlich braucht so ein unglaubliches Meisterwerk wie die Bach Cello-Suiten keine Ergänzung oder keine Erweiterung. Aber ich fand es doch einen schönen Gedanken, Komponisten aus 6 Kontinenten zusammenzubringen für dieses Projekt. Und ich habe es „Klänge des Lichts“ genannt, weil ich gerne irgendwo die positive Energie, die in den Suiten steckt, als großes Motto des Gesamtprojekts nehmen wollte."

Mit einigen der Komponisten war Benedict Kloeckner bereits in Kontakt. Andere, wie den Mexikaner José Elizondo, hat er erst während des Lockdowns entdeckt. Elizondo schrieb für das Projekt eine beinahe romantisch anmutende Hommage an die 6. Bach-Suite, die er jedoch zugleich mit einer sehr persönlich gefärbten Erzählung verbindet.

Eine rheinländische Rittersage

"Als er dann erfuhr, dass ich aus dem Rheinland stamme, schrieb er das Stück als Geschichte eines Ritters, der entlang des Rheins reitet, verschiedene Abenteuer erlebt, sich verliebt, und natürlich auch in den Kampf reitet. Das ist ein sehr fantasievolles Stück und heißt 'Unter dem Sternenhimmel des Rheins'."

Von dem südafrikanischen Komponisten Bongani Ndodana-Breen kannte Benedict Kloeckner bereits eine Oper über Nelson Mandela und auch einige Cello-Stücke. Über das neue Stück "Soweto Cello Riffs" schwärmt er:

"Auch dieses Stück ist sehr interessant, weil es ganz unterschiedliche Aspekte zusammenbringt. Also er hat einige typisch südafrikanische Elemente hineingebracht aus dem südafrikanischen Hip-Hop, aber auch einen Bach-Kontrapunkt, eine ganz spannende Rhythmik und Harmonik und eine ganz eigene Tonsprache."

Mit dem japanischen Komponisten Dai Fujikura arbeitet Benedict Kloeckner schon etwas länger zusammen. Fujikuras farbige, klanglich raffinierte Musiksprache begeistert ihn.

Verfremdete Bach-Zitate

"Er benutzt verschiedene Zitate aus den Bach-Cello-Suiten, verfremdet sie in der Weise, dass es doch wieder seiner eigenen Tonsprache entspricht. Und dadurch hört man, glaube ich, auch die Musik von Bach danach wieder ganz anders."

Zwei thematische Grundinspirationen hat Benedict Kloeckner den von ihm beauftragen Komponisten mitgegeben: zum einen die Bach-Suiten, zum anderen die Situation in der Pandemie. Der US-amerikanische Komponist Geoffrey Gordon hat sich für sein Stück mit der Geschichte der Seuchen beschäftigt - von der Pest des 14. Jahrhunderts bis zur Spanischen Grippe Anfang des zwanzigsten. Zugleich bezieht er sich musikalisch auf Guillaume de Machaut:

"Es hat einerseits diese Transzendenz, andererseits auch etwas Morbides, etwas Bedrohliches. Und das finde ich auch ein sehr mitreißendes Stück.“

Die australische Komponistin Elena Katz-Chernin verbindet so unterschiedliche Impulse wie Elemente des Klezmer und die spröden Klangwelten des Avantgardekomponisten Helmut Lachenmann:

"Sie sagt, es ist fast ein Walzer, fast ein Lied, aber doch nicht ganz. Und das spiegelt auch ein bisschen diese Situation des Lockdowns wider, diese Unsicherheit, dass man nicht weiß, was ist es eigentlich, wie lang wird es dauern? Dieses Stück hat sie 'I am Cello' genannt. Das finde ich auch sehr passend, weil es eine der Grundqualitäten des Cellos zeigt: das singen, die Wärme, und gleichzeitig auch diese gewisse Melancholie."

Die Quintessenz aller Musik ist Bach

Letztlich aber weisen all die neuen Werke auf diesem Album immer wieder zurück zu Bach, dessen Suiten Kloeckner mit großer Farbigkeit und Präzision in all ihrer Vielseitigkeit zum Leben erweckt.

"Casals hat es so schön gesagt: Die Quintessenz von aller Musik ist Bach und die Cello-Suiten sind die Quintessenz von Bachs Musik. Das ist natürlich schon eine Ansage, aber es stimmt natürlich, dass das Werk eine unglaubliche Qualität hat, das ist absolut zeitlos und das merkt man gerade auch in dieser Zusammensetzung mit den sechs neuen Stücken."

Julia Spinola, rbbKultur