Viva Italia – mit Siobhan Stagg (Sopran) und Blechbläserquintett des DSO Berlin; Montage: rbbKultur
Capriccio
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ALBUM DER WOCHE | 12.10. – 18.10.2020 - Blechbläserquintett des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin: "Viva Italia"

Vor dreizehn Jahren gründeten fünf Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin das Blechbläserquintett des DSO. Für ihre zweite CD "Viva Italia" hat sich das Quintett zum Sextett erweitert, denn sie konnten die Sopranistin Siobhan Stagg für diese außergewöhnliche Zusammenarbeit gewinnen. Siobhan Stagg stammt aus Australien, lebt aber schon seit sieben Jahren in Berlin, wo man sie an der Deutschen Oper Berlin erleben kann.

Blechbläsermusik gilt vermeintlich als typisch deutsch, doch auch in Italien gibt es eine große lebendige Tradition von Blechblasmusik. Die italienische Banda – Blechbläserensembles, die z.B. häufig an kirchlichen Feiertagen bei Prozessionen spielen. Trotz dem feierlichen Ernst ist in dieser Musik immer auch ein lebensfrohes, fast tänzerisches Element enthalten, denn Verdi und die italienische Oper schmuggeln sich hier ein oder umgekehrt, Verdi bezog genau daraus auch seine Inspiration.

Fünf Blechbläser und eine Sängerin

So stellten Johannes Lipp und sein Blechbläserquintett des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin für ihr zweites Album ein italienisches Programm zusammen. Ausgangspunkt für Johannes Lipp war Alessandro Scarlattis Kantate "Su le sponde del Tebro", geschrieben für Sopranstimme, zwei Trompeten und Streicher. "Dann stand die Idee fest, wir wollen ein Konzertprogramm mit Blechbläserquintett und Sopran machen. Aber wo finden wir eine Sopranistin, die die Belastung eines Blechbläserquintetts aushält?"

Für diese außergewöhnliche Zusammenarbeit konnten sie schließlich die australische Sopranistin Siobhan Stagg gewinnen, die seit sieben Jahren in Berlin lebt und an der Deutschen Oper Berlin singt. Fünf Blechbläser und eine Sängerin stellen im Zusammenspiel eine ganz eigene Schwierigkeit dar, erzählt Johannes Lipp: "Für uns Blechbläser war die Dynamik weniger problematisch, als tatsächlich dann das Zusammenspiel, mit fünf Bläsern etwa gleichzeitig mit dem Sopran zu antizipieren, wenn die Akkorde gewechselt werden müssen."

Für Siobhan Stagg war dagegen die Lautstärke eine Herausforderung: "Ehrlich gesagt war es manchmal sehr laut, aber es hat riesig Spaß gemacht, mit den Jungs musizieren zu dürfen und wir haben immer viel gelacht."

Geerdet

Diese Freude am gemeinsamen Spiel ist auf diesem Album zu hören, obwohl die ersten Stücke keineswegs von italienischer Leichtigkeit und Lebenslust sprühen. Angefangen bei Allessandro Scarlatti: "An den Uferns des Tibers" - "Su le sponde del Tebro" und dann gefolgt von Händels populärer Arie: "Lascia che’io pianga" werden zu viel Liebesleid reichlich Tränen vergossen. Aber die Blechbläser erden dabei auf das Schönste gerade Händels Arie, die oft die Tendenz hat, zum tränentreibenden Rührstück zu werden. Siobhan Stagg singt es dagegen sehr gefasst und mit souveräner Kraft.

Den Anfang macht allerdings ein reines Bläserstück: die "Toccata" von Gaspar Cassadó nach Girolamo Frescobaldi, die Johannes Lipp entdeckt hat: "Und dann stellt man heute fest: das ist ja anscheinend gar nicht von Frescobaldi, sondern von Cassadó. Da fragt man sich: wieso steht da Frescobaldi? Anscheinend konnte man früher ein Stück besser vermarkten, wenn man über eine eigene Komposition den Namen eines bekannteren Komponisten setzte."

Hörbühne mit Pfiff

Johannes Lipp wollte mit diesem Album gewissermassen eine Hörbühne Italiens erzeugen. Welchen Klang assoziieren Siobhan Stagg und Johannes Lipp ganz spontan mit Italien? Meeresrauschen, Johannes Lipp und das Klappern von Besteck im Restaurant, Siobhan Stagg

Dieses Konzept wird besonders in dem italienischen Konzert von Münchner Blechbläserkollegen Andreas Binder sehr anschaulich. Die Komposition beginnt mit einer Erinnerung an den Wind durch die knorrigen Eichen der Toskana, setzt sich mit einem Spaziergang durch Rom fort und endet im chaotischen Verkehr von Neapel. Plötzlich hört man zwei in dem Stück pfeifen. "Das kam ganz spontan: Erst pfiff einer der beiden Trompeter die Schlussmelodie am, also einfach seine eigene Trompetenstimme, dann hat der andere Trompeter noch seine Stimme dazu gepfiffen und das fanden wir eine lustige Idee und haben es dann so auch aufgenommen."

Durch den Fleischwolf

Das Album beginnt ernst und dann bricht mehr und mehr der subversive Unernst hindurch. Gildas Arie "Caro nome" aus Verdis Oper "Rigoletto" in einem Arrangement von Luther Henderson wird regelrecht durch den Fleischwolf gedreht: da trötet plötzlich Dixie dazwischen und Siobhan Stagg switcht bruchlos zwischen Verdi, Gershwin und Jazz, was ihr offenbar keinerlei Mühe bereitet."

"Als ich noch ein Kind war habe ich oft Jazz und Pop und Musicals gesungen. Denn ich stamme aus einer australischen Kleinstadt. Das nächste Opern- oder Konzerthaus mehrere hundert Kilometer weit entfernt. Jazz zu singen ist daher für mich, wie eine Rückkehr in meine Kindheit."

Träume vom Fliegen

So gelockert wagen sie sich am Ende dann auch an zwei echte italienische Schmonzettenschlager. "Con te partirò", bekannter auch als "Time to say Goodbye" und der italienischen Canzone schlechthin, von dem es unendlich viele Versionen gibt: "Volare". Fliegen, einfach loslassen, wobei damit zugleich ein thematischer Bogen zu dem Anfang mit Scarlatti geschlagen wird, denn auch da ging es in den Liedtexten schon in die Lüfte.

Tomas Fitzel, rbbKultur