Capella de la Torre: Praetorius Dances © Deutsche Harmonia Mundi
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Album der Woche | 16.08. - 22.08.2021 - Capella de la Torre: "Praetorius dances"

2021 ist ein Praetorius-Jahr, denn der Wolfenbütteler Hofkapellmeister und bedeutende Komponist Michael Praetorius ist vor 400 Jahren gestorben. Die Capella de la Torre hat dies zum Anlass genommen, zwei Alben mit seiner Musik zu veröffentlichen. Nachdem sie sich zusammen mit dem RIAS Kammerchor zunächst geistlichen Werken widmete, hat sie nun eine abwechslungsreiche CD mit Tanzmusik herausgebracht.

Michael Praetorius liebte – so wie viele seiner Zeitgenossen – lateinische Bezeichnungen. Zunächst latinisierte der Thüringer Pfarrerssohn seinen Geburtsnamen Schulteis, dann gab er seinen Werken entsprechende Titel. Seine bedeutendste Schrift, ein großes musiktheoretisches Kompendium, nannte er "Syntagma musicum", die meisten seiner geistlichen Werke gab er in den "Musae Sioniae" heraus und seine weltlichen plante er in einer Reihe namens "Musae Aoniae" zu veröffentlichen.

Einziger Tanzmusik-Druck

Zu einer Reihe ist es aber nicht gekommen, denn er hat offenbar nur eine einzige Sammlung mit Tanzmusik drucken lassen – sie ist nach der antiken Muse des Tanzes benannt, "Terpsichore". Allerdings ist dieser Solitär alles andere als schmal ausgefallen, denn er enthält 312 Tänze! Praetorius agierte dabei weniger als Komponist denn als Herausgeber. Seinen eigenen Angaben zufolge hat er sie vom Tanzmeister seines Dienstherrn übernommen, von dem Franzosen Antoine Emeraud. Außerdem trug der Violinist François Caroubel Tänze bei, der ebenfalls kurz am Wolfenbütteler Hof von Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig-Lüneburg weilte.

Gebrauchsmusik

Zum großen Teil handelt es sich bei den Tänzen der Sammlung um Stücke, die an den von der französischen Kultur beeinflussten Höfen Mitteleuropas bei Tanzvergnügungen jeglicher Art aufgeführt wurden. Sie waren austauschbar und häufig ohne großen Wiedererkennungswert – die "Terpsichore"-Sammlung enthält allein 162 Couranten und 23 Gaillarden! Lediglich etliche der kurzen "Ballette", das waren choreografierte Tänze, haben einen individuellen Charakter und tragen Bezeichnungen wie Ballett der Amazonen, des Feuers oder des Tunichtguts.

Abwechslung

Für die Ensembleleiterin Katharina Bäuml war die entscheidende Frage, wie sie diese Tänze präsentieren könnte, ohne dass die Abfolge für ein modernes Publikum langweilig werden würde. Ihre wichtigste Entscheidung bestand darin, mithilfe von Tanzliedern auf dem Album für Abwechslung zu sorgen. Instrumental- und Vokalteile waren in der Musik am Ende der Renaissance oft eng verbunden, meint die Schalmeispielerin, gesungene Passagen wurden auch getanzt. Da von Michael Praetorius keine derartigen Stücke überliefert sind, kamen auch andere französische Komponisten der Epoche ins Spiel, etwa Clement Janequin, Claude Le Jeune oder Thoinot Arbeau, der eine grundlegende Beschreibung von Tanzschritten der Renaissance hinterlassen hat.

Große Bandbreite

Die Bandbreite der Tanzlieder, die von der Sopranistin Margaret Hunter dargeboten werden, ist enorm. Sie reicht von der expliziten Schilderung eines Liebesspiels bis zu einem okzitanischen Weihnachtslied auf der Basis einer Gavotte von Praetorius. Besonders gut passt ein Ballettlied von Pierre Guédron für den französischen Königshof ins Programm, das mit den Worten beginnt "Willst du einen Tanz erlernen" und das die Schwierigkeiten schildert, jemandem das Tanzen beizubringen.

Tanz-Rekonstruktionen

Von dem Stück von Guédron erfuhr Katharina Bäuml durch Marie-Claire Bär Le Corre, Susanna Curtis und Pierre-François Dollé. Das sind drei Profi-Tänzer für historischen Tanz. Ihre Beteiligung an der Probenphase für das "Praetorius tanzt"-Programm ist das Besondere des Projekts. Sie verhalfen dem Ensemble zu wesentlichen neuen Erkenntnissen bei der Realisation der Tanzsätze. Katharina Bäuml sagt, die Musiker wurden aus ihrer Komfortzone gerissen und beschreibt ihre Haltung so: "Man denkt, ich weiß doch schon immer, wie dieses oder jenes Stück geht. Dann bekommt man einen Tanzschritt vorgeführt und erklärt, was es damit auf sich hat – und plötzlich muss man die Musik ganz neu denken."

Lebendig

Insgesamt ist der Capella de la Torre ein unterhaltsamer Überblick über den Charakter der Tanzmusik im frühen 17. Jahrhundert gelungen, festgemacht an Stücken aus der "Terpsichore"-Sammlung. Schnelle Tänze und Tanzlieder nach Art der Bransle oder Volte wechseln mit langsamen Pavanen ab. Zur lebendigen Anmutung des Ganzen trägt die farbige Instrumentierung bei: Doppelrohr-Blasinstrumente, voran die Schalmei der Ensembleleiterin, wechseln sich mit Posaune, Blockflöte und Orgel ab, sowie mit einer Reihe von Perkussionsinstrumenten bis hin zu einem Waschbrett, die aber nie dominieren. Alle Instrumentalisten dürfen sich in kleinen Soloabschnitten auszeichnen.

Katharina Bäuml; © Andreas Greiner-Napp
Katharina Bäuml; © Andreas Greiner-Napp | Bild: Deutsche Harmonia Mundi / SONY

Klang-Zugabe

Wie auf den meisten ihrer Alben hat Katharina Bäuml auch auf "Praetorius tanzt" wieder Momente eingebaut, in denen sie die Grenzen der historischen Aufführungspraxis einreißt. In diesem Fall betrifft dies vor allem die vier Stücke, in denen Johannes Vogt nicht wie gewöhnlich eine Laute spielt, sondern eine elektrisch verstärkte Bass-Gitarre. Beim Ausprobieren habe sich sofort ein stimmiger Klang ergeben, erklärt Bäuml dazu und betont: "Wir wollen kein Museum sein, sondern wir nehmen uns die Freiheit, manchmal Instrumente der heutigen Zeit einzubauen. Das ergibt einfach eine neue Klangfarbe, und danach suche ich wirklich immer."

Rainer Baumgärtner, rbbKultur