Daniel Hope: America © Deutsche Grammophon
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"Best of 22": Album der Woche | 11.07. - 17.07.2022 - Daniel Hope: "America"

Wie klingt Amerika? Was macht amerikanische Musik aus? Diese Fragen stellte sich Geiger Daniel Hope auf seinem neuen Album "America". Er hat sein halbes Leben in Amerika verbracht: Vor seinen unzähligen Tourneen und Projekten nahm er hier sein Studium auf, verlebte hier seine Kindheit.

Geprägt wurde Hopes Kindheit auch von den Familienurlauben bei Tante Leni in Philadelphia. Eine Frau, die noch 1939 aus Deutschland fliehen konnte und die Hope sehr beeindruckte: "Sie war eine fantastische Frau mit einer starken Persönlichkeit. Sie blieb sehr herzlich bis ans Ende ihres Lebens."

Vorbilder

In Amerika legte sie nie ihren deutschen Akzent ab, wurde aber über Nacht zur glühenden Amerikanerin - mit dazu passendem Faible für große Autos, die sie, nicht ganz risikofrei, durch die Straßen steuerte. Und so lehnt sich Hope auf dem Album-Cover lächelnd an einen großen Ami-Schlitten. Nicht in Jeans, sondern im ernsten, schwarzen Anzug. Im Hintergrund des Coverfotos sind viele Porträts amerikanischer Musikerinnen und Musiker, vor allem auch aus dem Jazz.

Daniel Hope © Daniel Waldhecker
Bild: Daniel Waldhecker

Epochenschau

Hope fokussiert sich bei seiner Musikauswahl. Sein Blick umfasst gut 30 Jahre - von Anfang der 30er bis Mitte der 60er-Jahre: "Wenn man bedenkt, was das für eine Kurve gab in der Geschichte - vom Ende der Prohibition bis zur Anfangszeit der Bürgerrechtsbewegung. Welche politische Dimension der USA!"

Für Hope hochspannend, ja hochdramatisch: "Und so habe ich versucht, die Musik innerhalb dieser Phase zu betrachten."

George Gershwin macht dabei den Anfang. Dieser Komponist symbolisiere einen musikalischen Meilenstein, so Hope. Er habe die Bewegungen sowohl der afroamerikanischen als auch der weißen Jazzmusiker von Dixieland bis hin zum großen Jazz in sich vereint:

"Er hat genau gewusst, wie diese Synergie stattfindet - zwischen Blues, den Spirituals und den Protestlieder der Schwarzen, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts immer noch versklavt waren. Er wusste die Energie daraus zu nehmen und das in seiner eigenen Musik - in Synthese - zu bringen."

Die Hürde, Bernstein zu bearbeiten

Ein weiterer Meilenstein: Leonard Bernsteins "West Side Story". Die alte Verfilmung hat Hope schon als Vier-oder Fünfjähriger gesehen. Aus dieser Begeisterung heraus wollte er eine eigene Fassung für Violine und nicht allzu großes Orchester haben. Kein einfaches Vorhaben, denn die Bernstein-Erben wachen strikt über das musikalische Vermächtnis:

"Alle haben gesagt: Vergiss es! Du kannst dieses Stück nicht bearbeiten lassen. Aber ich bin drangeblieben und spielte ein Konzert in New York vor fünf Jahren. Und Tochter Jamie Bernstein kam zu mir hinter die Bühne. Wir haben kurz gesprochen und ich habe ihr einfach von meiner Idee erzählt. Und sie hat gesagt: 'Oh ja, interessant. Warum nicht?' Aber als die Arrangements fertig waren, haben sie zum Beispiel Töne gefunden, die anders instrumentiert waren. Das haben sie abgelehnt. Und als wir dann den letzten Haken bekommen haben, das es akzeptiert worden ist, haben wir gejubelt."

Genialer Bearbeiter

Das liegt auch am findigen Bearbeiter, den Hope schon lange kennt: Paul Bateman. Er hat die Grenzen zwischen dem klassischen Geigenspiel Hopes und den amerikanischen Jazz-Elementen großartig ausbalanciert, so dass Hope nicht in den Kitsch-Bereich gerät. Hope kann Hope, der klassische Geiger bleiben und doch viel freier spielen, denn an seiner Seite ist nicht nur sein Zürcher Kammerorchester, sondern auch das Jazztrio um den Pianisten Marcus Roberts.

Der Clash funktioniert. Auch, weil es kein Eintagsfliegen-Projekt war. Hope nimmt sich immer viel Zeit für seine Konzeptalben:

"Über die Jahre kamen wie zu einem Feintuning, bis wir das Gefühl hatten, jetzt ist es eigentlich an der Zeit, etwas zu versuchen, was wir beide nie gemacht haben. Es ist nicht einfach so, dass ich versuche, ein bisschen Jazz zu spielen und er dabei ist, wenn ein klassisches Ensemble seinen Teil spielt, sondern wir haben uns beide Zeit, Raum und Respekt zum jeweils anderen geben."

Bis das Zusammenspiel funktionierte, auch vor Studio-Mikrofonen.

Vom Einwanderersong bis zur Hymne

Ebenso ist Musik von Aaron Copeland dabei, jener lettische Einwanderer, der zum "Vater der amerikanischen Musik" wurde. Oder Musik vom Einwanderer Weill, der Lieblingskomponist von Hopes Tante Leni.

Doch Hope setzt auch die wichtigen Schlaglichter auf Musiker, die es in der weißen Szene schwer hatten. Florence Price zum Beispiel, die erste afroamerikanische Komponistin, deren Sinfonien von Top-Orchestern aufgeführt wurden. Hope hat hier ihr herrliches Werk "Adoration" aufgenommen.

Oder Duke Ellingtons unvergleichliches "Come Sunday" oder der Song "A Chance is gonna come" von Sam Cooke und "America the Beautiful" von Samuel A. Ward. Amerikanische Hymnen, die geliebten, inoffiziellen. Damit schließt Hope auch sein Album mit einer großen, aber ruhigen Geste.

Kein Kitsch, kein Anbiedern an bekannte Nummern, sondern eine präzise Umsetzung, der man anhört, wie sich die oft so gegensätzlichen Welten gegenseitig bereichern - die klassische und die des Jazz. Hochprofessionell und anziehend. Amerika macht es möglich.

Cornelia de Reese, rbbKultur