Daniel Ottensamer: The Clarinet Trio Anthology © Decca
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Album der Woche | 27.06. - 03.07.2022 - Daniel Ottensamer: "The Clarinet Trio Anthology"

Alles aufzutreiben und auf CD einzuspielen, was für Klarinettentrio zu finden ist, haben sich der Wiener Klarinettist Daniel Ottensamer, der Cellist und Berliner Philharmoniker Stephan Koncz und der Pianist Christoph Traxler vorgenommen, als sie während des Corona-Lockdowns unverhofft viel Zeit hatten. Herausgekommen ist eine Box mit 27 Werken für die Gattung Klarinettentrio, eingespielt auf sieben CDs.

The Clarinet Trio Anthology © Andrej Grilc
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Ein Klassiker, das Gassenhauer-Trio von Ludwig van Beethoven, steht gleich am Anfang der Anthologie. Bereits hier wird hörbar, wie eingespielt, wie organisch Daniel Ottensamer, Stephan Koncz und Christoph Traxler miteinander musizieren. Nicht ohne Grund: Die drei Musiker haben zusammen studiert. Ottensamer und Koncz kennen sich sogar bereits seit ihrer Kindheit. Schon ihre Eltern waren miteinander befreundet. Auch spielen Daniel Ottensamer und Stephan Koncz im Ensemble "The Philharmonics" zusammen – das Kammerensemble wurde 2007 gegründet und besteht aus Berliner und Wiener Philharmonikern.

"Hier spielen wir alles Mögliche - von Klassik über Volksmusik, bis hin zu Jazz, Rock und Klezmer", erzählt Daniel Ottensamer.

Vielfältiges Repertoire – von der Klassik bis zur Gegenwart

Alles Mögliche, die unterschiedlichsten Kompositionen, so wie auch auf ihrem neuen Album. Beispielsweise steht hier zwischen zwei Beethoven-Werken das "Mozart-Adagio" des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt. Das Stück schlägt eine Brücke vom Wien des 18. Jahrhunderts bis heute, denn Pärt hat den langsamen Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate Nr. 2 mit seinem ihm eigenen Kompositionsstil kombiniert.

Nie Gehörtes und in Vergessenheit Geratenes

Auch andere Verbindungen hebt die Klarinettentrio-Anthologie hervor. Eine Neuentdeckung ist das Fragment eines – noch hochromantischen – Klarinetten-Trios von Arnold Schönberg. Nur 30 Sekunden dauert das Fragment, bevor es unvermittelt abbricht. Schönberg hatte die Komposition offenbar in Anlehnung an das Klarinettentrio seines Lehrers Alexander Zemlinsky begonnen, glaubt der Cellist Stephan Koncz:

"Ich nehme an, er hat das Zemlinsky-Trio gehört und gesagt: Was mein Herr Lehrer schreibt, versuche ich doch auch gleich mal.“

Tatsächlich steht das Zemlinsky-Trio und das Fragment von Schönberg in derselben Tonart und haben einen sehr ähnlichen Charakter. Nachdem Schönberg jedoch die ersten knapp 20 Takt geschrieben hatte, habe ihn, so Koncz "... die Muse wohl nicht mehr geküsst.“

Das Klarinettentrio von Johannes Brahms gilt als Prototyp für dessen Spätwerk. Auf dem Album folgen ihm zwei Stücke von Robert Kahn. Dieser war ein großer Bewunderer von Brahms. Lange war Kahns Werk in Vergessenheit geraten, nachdem er im Dritten Reich wegen seiner jüdischen Herkunft ins Exil gezwungen wurde. Dass Kahn bis heute kaum gespielt werde, sei sehr zu Unrecht, findet der Cellist Stephan Koncz: "Es ist ein tolles Werk, wunderschön im Cantabile, sehr energiegeladen in den Sätzen.“

The Clarinet Trio Anthology © Andrej Grilc
Bild: Andrej Grilc

Zeitgenössisches und Experimentelles

Zahllose Verknüpfungen und Spuren bis hinein in die Gegenwart ziehen die drei Musiker auf ihrem Album. Zu Wolfgang Rihm. Zu Friedrich Cerha. Zu Magnus Lindberg. Zu Jörg Widmann. Dessen "Nachtstück" gefiel dem Pianisten Christoph Traxler ganz besonders. Denn hier durfte er bis in den Innenraum des Klaviers vordringen und mit den Klangmöglichkeiten des Instruments experimentieren:

"Ich durfte die Saiten zupfen, ich durfte sie abdämpfen und mit dem Plektrum diverse Effekte erzeugen", so Traxler.

Eine Musikgeschichte im Kleinen

Die Klarinettentrio-Anthologie von Daniel Ottensamer, Stephan Koncz und Christoph Traxler zeigt, was für die Besetzung Klarinette, Cello und Klavier alles möglich ist. Sie ist eine Wunderbox, die Alte Meister genauso würdigt wie neue oder zu Unrecht vergessene Komponisten. Und sie ist eine Zeitreise, die – nicht chronologisch, aber in Sinnzusammenhängen – durch über 300 Jahre Musikgeschichte führt.

Antje Bonhage, rbbKultur