David Orlowsky: Alter Ego © Warner
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Album der Woche | 16.05. - 22.05.2022 - David Orlowsky: "Alter Ego"

Seelenverwandschaft in Musik. Der Klarinettist David Orlowsky hat gemeinsam mit dem Lautenisten David Bergmüller ein ungewöhnliches Album aufgenommen.

David und David fühlen sich tatsächlich als Alter Ego des anderen. Als die Musiker nach einem gemeinsamen Projekt suchten, gab es zu keinem Zeitpunkt die Frage, ob ihre Instrumente eigentlich passen würden: Laute und Klarinette. Ursprünglich suchte der Klarinettist ein größeres Ensemble, um Alte Musik zu machen, eben auch mit Laute. Aber mit David Bergmüller passte es einfach zu gut - ein Duo war geboren. Reden, Tee trinken, Musik machen und sich treiben lassen - auch so können Kompositionen entstehen. Das Aufnahmegerät lief ja immer mit. Beim Abhören auf langen Zugfahrten verdichteten sich die Ideen.

Musik aus einem "Nirgendwann"

Neben den Eigenkompositionen findet sich tatsächlich auch Alte Musik auf dem Album. Doch sie ist kaum zu erkennen als "alt". Die Kraft der Melodien sei für ihn das, was zählt, sagt David Orlowsky. Über die Jahrhunderte sei sie womöglich noch stärker geworden. Das Klanggewand von Laute und Klarinette scheint nun die Epochen zu verweben. John Dowland, Thomas Preston und Henry Purcell kannten keine Klarinette. Ihre Musik wurde so noch nie gehört.

Zeitenwenden

Lust, mal eben die Zeit umzudeuten? David Bergmüller und David Orlowsky machen genau das. Zum Beispiel in ihrem Stück "Zeitfaltung". Ein Hörvergnügen für Metrum-Verrückte und Tüftler. Verschiedene Takte und Zählzeiten laufen übereinander, treffen sich, laufen voneinander weg - ein Perpetuum Mobile der Musik. Die Sache mit der "Zeit" beschäftigt die beiden Musiker ohnehin.

Für ihre Album widmen sie sich darum noch einer weiteren Dimension: dem Körper. Steckt in einem alten Körper nicht immer noch das junge Ich? Dieser philosophischen Frage gehen drei Tanzvideos nach, die parallel zum Album entstanden sind. Die vierjährige Patentochter tanzt, dann eine 22-jährige Frau und schließlich die Tänzerin Eileen Kramer. Sie ist 107. Diesen Tanz muss man gesehen haben! Sicherlich kann man erwägen, ob Musik und Begleitkonzept zum Album zu süßlich seien. Doch schon werden die Augen feucht.

Was David Orlowsky dazu sagt? "Da haben wir glaube ich an der Unterkante vom Kitsch entlang gearbeitet. Aber das ist eine Disziplin, die ich auch sehr mag. Und David auch. Also: Keine Angst vor Schönheit."

Ulrike Jährling, rbbKultur