Dominik Wollenweber: The Art of English Horn © Supraphon
Supraphon
Bild: Supraphon

Album der Woche | 29.11. - 05 .12.2021 - Dominik Wollenweber: "The Art of English Horn"

Dominik Wollenweber ist seit 18 Jahren Soloenglischhornist der Berliner Philharmoniker. Tausende Konzerte hat er gespielt, zudem unterrichtet er in Berlin. Sein Arbeitspensum und die große Familie hat er immer vorgeschoben, keine Zeit für eine eigene CD zu haben. Doch nun hat es endlich gepasst: sein Debüt-Album "The Art of English Horn" ist erschienen.

Das Englischhorn ist etwas größer als seine kleine Schwester, die Oboe. Es klingt tiefer und hat eine markante glockenförmige Wölbung des Schalltrichters, auch Liebesfuß genannt. All das sorgt für einen besonders melancholischen Klang.

"Von diesem Klang kommen wir auch nicht weg. Wir müssen immer traurig sein, wir Englischhornisten“, so Dominik Wollenweber.

Repertoire-Suche

"Es ist leider so, dass sich die Komponisten zwar bei der Orchesterliteratur sehr viel Mühe gegeben haben, schöne Melodien fürs Englischhorn zu schreiben. Aber kammermusikalisch und solistisch ist das, was wir haben, sehr dünn."

Und so sind einige Bearbeitungen auf der CD gelandet. Gleich zu Beginn Musik von Johann Sebastian Bach. Der kannte zwar noch kein Englischhorn - damals spielte man noch die Oboe da caccia. Die war ein gekrümmtes, ausgehöhltes Holzhorn mit einem Schalltrichter aus Blech. "Aber der Klang ist doch sehr ähnlich. Insofern habe ich kein schlechtes Gewissen, das benutzt zu haben.“

Wollenweber hat sich Auszüge aus Bach-Kantaten herausgesucht und so ein eigenes Concerto zusammengestellt. Zwei flotte Sätze und dazwischen ein langsamer Satz. Adagio. Wollenweber gibt unumwunden zu: "Man kommt als Englischhornist von seiner genetisch festgelegten Identität nicht weg, da ist immer der langsame Satz der schönste. Aber ich mag die schnellen Sätze schon auch sehr.“

Der Melancholiker als Spaßmacher

Wollenweber spielt auch Jean Françaixs Quartett: "Da wird das Englischhorn ja auch von seiner lustigen Seite gezeigt.“

Gekonnt lässt Wollenweber sein Instrument hier übermütige Späße treiben. Auch das geht mit einem Englischhorn. Überzeugend, wenn Wollenweber spielt. Ein brillantes Showstück, für ihn und seine Philharmoniker-Kollegen. Die begleiten ihn auch bei dem Herzstück der Englischhorn-Spieler: dem Adagio aus der Sinfonie "Aus der Neuen Welt" von Antonín Dvořák.

Erstaunlich an dieser Bearbeitung: man merkt nicht, dass es sich hier nicht um die Originalversion handelt. Den gesamten Orchesterpart spielt eine Handvoll Streicher. Großartig, wenn man solche Musiker mit im Boot hat.

Englischhorn als Schubert-Star

Eine andere Bearbeitung bezeichnet Wollenweber als ganz schön frech. Ein Klavierfavorit von Franz Schubert, gekapert vom Englischhorn:

"Auch wenn man das musikwissenschaftlich gesehen nicht rechtfertigen kann, finde ich einfach das klangliche Ergebnis so toll… Und ich finde, wenn ich jetzt mich für ein Lieblingsstück entscheiden müsste, würde ich auch den Schubert nehmen: Es ist so wunderbare Musik. Und es passt klanglich so gut zu meinem Instrument. Kann ich auch mal ein Auge zudrücken?"

Ohne Spätromantik geht es gar nicht

Auf dem Album befindet sich noch ein Englischhorn-Klassiker: Jean Sibelius' "Der Schwan von Tuonela". Einmal den Klang voll ausrollen – Wollenweber besticht auch hier mit seiner wundervollen, satten Tonfarbe, seiner Gestaltung.

Glanzvoller Schlusspunkt: ein Opernausschnitt von Richard Wagner. "Das ist das einzige Solo aus der Orchesterliteratur, das man einfach so rausschneiden kann, weil es in der Praxis ja auch einfach ganz allein gespielt wird.“

So beginnt der dritte Akt aus "Tristan und Isolde". Wenn sich der Vorhang hebt, steht da der Hirte am Felsenrand und spielt diese Melodie mit Blick auf das triste Meer.

Man kann allen Freunden und Familienmitgliedern nur danken, dass sie Dominik Wollenweber endlich zu einem Album überreden konnten. Allerdings: einmal im Kopfhörer, besteht dringende Suchtgefahr.

Cornelia de Reese, rbbKultur