Edvard Grieg: Alfedans © Deutsche Harmonia Mundi
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Album der Woche | 07.06. - 13.06.2021 - Edvard Grieg: "Alfedans"

Ein Streichinstrument mit Tasten an der Seite, das ist die sogenannte Nyckelharpa ("Schlüsselfidel"). Ihre Saiten werden wie bei der Geige mit einem Bogen gestrichen. Die Nyckelharpa wird heute vor allem der schwedischen Volksmusik gespielt – aber einer der weltbesten Spieler ist ein Italiener, der in Deutschland lebt: Marco Ambrosini. Gemeinsam mit der Organistin Eva-Maria Rusche hat er Musik von Edvard Grieg aufgenommen.

 

"Die Nyckelharpa ist heute bekannt als schwedisches Volksmusikinstrument, aber das war nicht immer so", sagt der Geiger und Experte für historische Saiteninstrumente Marco Ambrosini.

"Wir haben viele Abbildungen aus dem italienischen, aus dem deutschsprachigen Raum, aus Dänemark. Es ist so, dass es das Instrument auch bei uns gegeben hat, aber in der Barockzeit verschwunden ist."

Schlüssel(fidel)erlebnis

In Norwegen, in einem Museum in Trondheim, ist Marco Ambrosini zum ersten Mal aufmerksam geworden auf die Nyckelharpa. Er besorgte sich eine Kopie des Museumsstücks:

"Ich habe das monatelang unter meinem Bett gehabt – und hin und wieder mal rausgeholt, angeschaut – superschön – dann wieder unters Bett gelegt und bin nie auf die Idee gekommen, irgendwie das Instrument zu spielen.

Schließlich probierte es Marco Ambrosini doch und eroberte sich das eigenwillige Instrument: "Ich habe dann gemerkt: Man kann damit sehr wohl Renaissance- und Barockmusik spielen, wie auch ganz moderne, zeitgenössische Werke. Was ich damals nicht gedacht hab ist, dass man auch romantische Musik drauf spielen kann."

Grieg auf der Nyckelharpa

Dass es in jedem Fall einen Versuch wert war, romantische Musik zu spielen, stellte Marco Ambrosini vor zwei Jahren bei einer Probe mit seiner langjährigen Duo-Partnerin Eva-Maria Rusche fest. Dass man beim Experimentieren bei Edvard Grieg, bei dessen Liedern und Werken für Klavier solo landete, ist seiner Meinung nach kein Zufall:

"Schon zu Lebzeiten war es so, dass viele Stücke von ihm umarrangiert wurden von Kollegen. Und wir haben gedacht, genau in dieser Tradition seine Stücke nochmal umarrangieren zu dürfen – und zwar wirklich für eine Zusammensetzung, die es so, wie wir wissen bis jetzt noch nicht gegeben hat!"

Orchestrales Klangideal bei Klavierwerken

Edvard Grieg dürfte die Nyckelharpa nicht gekannt haben, allenfalls die norwegische "Hardanger-Fidel", die keine Tasten an der Seite hat. Dieses Instrument klingt jedoch viel zu schwach, um neben einer Orgel bestehen zu können:

"Man merkt wirklich bei Grieg, wie sehr er in Klangfarben schon gedacht hat beim Komponieren, auch wenn er für Klavier komponierte“, sagt Organistin Eva-Maria Rusche. "Es ist quasi gleich immer orchestral gedacht! Und für so eine Orgel, die auch eigentlich ein Orchester als Vorbild hat, ist es wirklich fantastisch geeignet gewesen!“

Sinnlich-homogene Melange

Die Orgel, die Eva-Maria Rusche und Marco Ambrosini für die Aufnahme ausgewählt haben, hat eine Fülle von Registern, die Streichinstrumente imitieren und damit bestens als klangliches Fundament für die Nyckelharpa geeignet sind.

"Die Nyckelharpa und die Orgel vermischen sich teilweise so gut, dass es wirklich ein einheitlicher Klang wird“, sagt Eva-Maria Rusche. "Manchmal hat man wirklich das Gefühl, da spielt ein Orchester!"

Kombination aus Volksmusik, Klassik und Romantik

Sämtliche Werke von Edvard Grieg auf dem neuen Album hat Marco Ambrosini arrangiert. Und einige, erzählt er, haben ihm schlaflose Nächte bereitet:

"Ich war total angetan von den norwegischen Tänzen! Mir war am Anfang nicht bewusst, wieviel Arbeit das würde, die so umzuarrangieren, dass sie für Schlüsselfidel auch spielbar sind. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich vielleicht gar nicht damit angefangen! Aber im Nachhinein bin ich total froh, dass ich das gemacht hab! Das ist so eine tolle Kombination zwischen Volksmusik, Klassik und Romantik!“

Claus Fischer, rbbKultur