Elisabeth Leonskaja: Mozart - Klaviersonaten © Warner Classics
Warner Classics
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Album der Woche | 21.02. - 27.02.2022 - Elisabeth Leonskaja: "Mozart"

Sie ist eine der Grandes Dames unter den Pianistinnen: Elisabeth Leonkaja lebt seit knapp 45 Jahren in Wien. Geboren wurde sie in Tiflis und war ein russisches Wunderkind. Am legendären Moskauer Konservatorium studierte sie bei Jacob Milstein, ihr bedeutender Mentor wurde der Pianist Swjatoslaw Richter. Mit ihm hat sie 1995 schon einmal Mozartbearbeitungen von Edvard Grieg aufgenommen. Man kennt sie sonst vor allem als Interpretin des romantischen Repertoires. Nun aber hat sie sich alle 18 Klaviersonaten von Mozart vorgenommen.

"Ich würde sagen, jede Musik - und diese ganz besonders - verlangt absolute Hingabe und Konzentration“, erzählt Elisabeth Leonskaja. 75 Jahre alt musste sie werden, bis sie sich an eine Mozart-Gesamtaufnahme gewagt hat. Dann aber ging alles so schnell, als habe sie ihr Leben lang darauf gewartet. Innerhalb von nur neun Tagen hat sie Anfang vergangenen Jahres alle 18 Sonaten und die Fantasie in c-Moll KV 475 eingespielt. Wie ist es dazu gekommen?

Elisabeth Leonskaja, Pianistin © Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Der ganze Mozart

"Es ist nicht so, dass ich alle Sonaten für diese Aufnahme gelernt habe. Ich habe, glaube ich, drei Mal im Laufe meines Lebens Mozart-Zyklus gemacht. Mit verschiedenem Erfolg für mich. Ich habe also immer wieder daran gearbeitet. Und als der Vorschlag von Warner zur Aufnahme kam, da war eigentlich ganz klar: Wenn, dann den ganzen Mozart.“

Ein musikalisches Tagebuch

Über die Klaviersonaten von Beethoven sagte Daniel Barenboim kürzlich, sie hätten für den Komponisten die Funktion eines Tagebuchs gehabt: hier habe Beethoven sich am natürlichsten ausgedrückt. Diesem Bild kann Elisabeth Leonskaja auch in Bezug auf Mozart etwas abgewinnen: "Das ist eine sehr schöne Metapher, finde ich. Tagebuch - das ist vertraulich, sozusagen, mit sich selbst, treu, nie lügen, wirklich: es ist, wie es ist. Das kann man übertragen auf Mozart.“

Musikalisch drückt sich Mozart als Kind seiner Zeit aber natürlich völlig anders aus als der erste freischaffende Komponist Beethoven, der sich keiner äußeren Konvention mehr verpflichtet fühlen musste: "Fünfzig Jahre Unterschied im Leben von diesen Komponisten. Aber wenn wir nur an ein Detail denken: Die Perücke ist weg. Das heißt bei Mozart: Viel in seiner Musik - auf Bestellung war sowieso alles - war kanonisch. Das heißt innere Freiheit sollen wir suchen in dieser Musik – möglicherweise in langsamen Sätzen.“

Zu leicht für Kinder, zu schwer für Künstler

Mozart zu spielen, gilt als eine ganz besondere Kunst, als eine Herausforderung, vor der selbst die größten Interpreten einen Heidenrespekt haben. Alfred Brendel widmete den Schwierigkeiten des Mozartspiels ganze Buchkapitel und Vorträge. Von Arthur Schnabel ist der Satz überliefert, Mozarts Sonaten seien zu leicht für Kinder und zu schwer für Künstler.

Elisabeth Leonskaja erzählt: "Wir können wirklich sehr viele und wunderbare Zitate finden. Zum Beispiel ein Zitat von Sándor Végh, dem Dirigenten: - 'Herr Professor', nach einem Konzert, 'wie machen Sie Mozart?' – 'Ich mache nicht Mozart, Mozart macht mich.' Oder zum Beispiel Rudolf Serkin, der gesagt hat 'Bei Beethoven ist es so ein Ringen um diesen Komponisten – aber bei Mozart', hat Rudolf Serkin gesagt, 'ist alles vergeblich'.“

Leonskajas Mozartspiel ist freilich von einer solch natürlich wirkenden Leichtigkeit erfüllt, dass der Gedanke an ein vergebliches Ringen das Letzte ist, was einem dazu einfallen würde.

"Es ist Vollendung, Mozartische Musik ist Vollendung. Man könnte denken: jetzt, jetzt, jetzt erreiche ich das und man hat es nicht erreicht.“

Swjatoslaw Richter über Mozart

Leonskajas Spiel ist klar strukturiert und sie versagt sich jede romantisierende Dehnung des Zeitmaßes. Mit ihrem Mentor Swjatoslaw Richter hat sie oft über Mozart gesprochen:

"Er erklärte es so: Er meinte, bei jedem Komponisten, samt Beethoven und Schubert, könne man mit der Zeit frei umgehen - und bei Mozart nicht. Die ganze Intensität des Ausdrucks muss in ganz bestimmte, genaue Zeitmaße passen.“

Jede agogische Nuance, jeder Akzent, jede Farbe muss stimmen, wenn man den Ausdruck innerhalb eines strengen Zeitmaßes realisieren will: "Man quält sich wirklich manchmal: langsame Sätze, dieser Klang, weniger Klang, Mittelstimmen, Agogik. Je weiter man kommt, umso glücklicher ist man. Dieses Ringen, allgemein und bezogen auf Mozart, macht schließlich sehr glücklich.“

Elisabeth Leonskaja, Pianistin © Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Mozartglück

Dieses Mozartglück strahlen Leonskajas Aufnahmen in jedem Takt aus. Auf die Frage danach, ob es eine Sonate gäbe, die ihr besonders am Herzen liegt, antwortet sie mit einem Zitat von Schostakowitsch:

"Er wurde gefragt, welche seiner Symphonien er am meisten liebe. Die Antwort: Die, die jetzt gerade schreibe. Der Zauber dieser Musik also, der zieht mich so rein, und ich bin ja dafür da, dass ich dieser Musik diene im Moment. Und was hilft es mir, wenn ich jetzt die c-Moll-Sonate aufführe und an die F-Dur dabei denke? Das bringt ja gar nichts.“

Julia Spinola, rbbKultur