Emmanuel Pahud: "Airlines" © Warner Classics
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ALBUM DER WOCHE | 24.08. – 30.08.2020 - Emmanuel Pahud: "Airlines"

Der französisch-schweizerische Flötist Emmanuel Pahud ist neben seiner Orchestertätigkeit bei den Berliner Philharmonikern weltweit auch als Solist und Kammermusiker gefragt. Die Bandbreite seines Repertoires ist bemerkenswert. Auf seiner neuen CD beweist sich Pahud als Interpret von Filmmusik: die Flöte als Star von Hollywood. "Airlines" heißt das Album mit Werken des Filmmusik-Komponisten Alexandre Desplat.

Klänge produziert mit Atemluft: Wie feine Linien ertönen sie aus der Flöte. "Luftlinien" also, im wörtlichen Sinne. "Airlines". So wie der Titel dieses Stückes für Flöte solo. Und wie der Titel der CD. "Ein schönes Wortspiel", findet auch der Flötist, Emmanuel Pahud, für den Alexandre Desplat das Werk "Airlines" komponiert hat.

Luftlinien auch auf dem Cover der CD. Zwei weiße Kondensstreifen. Sie ziehen sich quasi diagonal über einen himmelblauen Untergrund.

Im Flug nach Hollywood

Ganz unten auf dem Coverbild: die Hügelkette von Hollywood. Hier, in Los Angeles, sind sich der Flötist Pahud und der Komponist Desplat zum ersten Mal begegnet. Nach langen Flügen dorthin.

Preisgekrönte Filmmusik

Alexandre Desplat gehört zu den renommiertesten Filmkomponisten unserer Zeit. Unter anderem hat er die Musik für den Hollywood-Streifen "The Shape of Water" ("Das Flüstern des Wassers") geschrieben. Die Liebesromanze gewann 2017 den Goldenen Löwen in Venedig. Und Desplat bekam den Oscar für die Beste Filmmusik.

Für die CD hat er seine Komposition für Solo-Flötenstimme bearbeitet. Man merke, dass Alexandre Desplat ursprünglich selbst von der Flöte kommt, sagt Emmanuel Pahud. Für ihn ist es "interessant zu sehen, dass ein Komponist, wenn er eine flötistische Ausbildung hat, natürlich gewisse Automatismen benutzt, die Flötisten entgegenkommen. Besondere Fingerläufe oder gewisse Kombinationen von Fingern und Zunge."

Die Flöte im Dialog mit dem Orchester

Ganz wunderbare Linien seien in Desplats zu finden, lobt Pahud. "Sie haben eine tolle Wirkung, einen tollen Glanz im Dialog mit dem Orchester." Insbesondere in "The Shape of Water" sei dies zu hören. "Außerdem haben wir da sehr viel mit der Textur im Orchester zu tun, die ich auch sonst von der französischen symphonischen Musik kenne." Von Claude Debussy beispielsweise oder von Maurice Ravel.

Ebenfalls auf der CD in der Bearbeitung für Flöte: die Filmmusik von "The Grand Budapest Hotel". Auch für diesen Soundtrack erhielt Alexandre Desplat einen Oscar. Und nicht zuletzt finden sich die Musik von "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" und Ang Lees’s "Lust Caution" ("Gefahr und Begierde") auf dem Album.

Die Aufgabe von Filmmusik ist komplex: Sie muss bestimmte Gefühle und Stimmungen hervorrufen, Situationen und Personen charakterisieren. Sie darf nicht zu leise sein und nicht zu laut. Sie soll die Handlung des Films vorantreiben, darf bei alledem aber nicht eigenständig in den Vordergrund rücken, sonst würde sie vom Filmgeschehen ablenken.

Desplats Symphonie concertante "Pelléas et Mélisande"

Größere Freiheiten konnte sich der Komponist erlauben bei seiner Symphonie concertante Pelléas et Mélisande. Das dreisätzige Werk für Flöte und Orchester ist als Weltersteinspielung auf der CD. Freilich auch hier: mit Emmanuel Pahud als Solo-Flötist. Gleich im ersten Satz hört man einen gejagten Vogel: Mélisande. Wie ein Raubtier fängt Prinz Golaud sie ein.

Emmanuel Pahud: "Die Symphonie concertante ist ein Dialog, ein Orchesterstück mit einer konzertierenden Flöte. Deswegen ist die Stimme, die ich da zu spielen habe, manchmal ganz integriert im Orchesterwesen, manchmal abgesetzt davon. Zum Beispiel am Anfang, da versucht jemand, der fast außer Atem ist, dem Orchester zu entkommen - nur um dann vom Orchester geschluckt zu werden."

Das Titelstück "Airlines"

Auch im Titelstück "Airlines“ zeigt der Komponist, dass er auch anderes kann als Filmmusik. Das Werk ist so etwas wie eine Hommage an die Flöte. Und an Pahud. "Es bietet dem Flötisten die Möglichkeit, die ganze dynamische Bandbreite zu nutzen. In leisester, stimmungsvoller Musik, bis hin zum Mysteriösen." Die Flöte offenbare hier ihren spezifischen Charakter, so Emmanuel Pahud.

Die Flöte: das Instrument für Spiritualität

"Es hat immer, finde ich, bei Soloflötenmusik etwas für die Ewigkeit. Das ist etwas, was Komponisten wie Debussy zum Beispiel oder auch später ein Messiaen oder ein Boulez oder ein Alexandre Desplat, egal, aus welcher musikalischen Richtung sie kommen - sie alle setzen die Flöte ein für eine Art Spiritualität in der Musik." Denn schließlich, erinnert Pahud, haben wir es mit einem der ältesten Instrumenten der Welt zu tun. Die ersten Töne seien gespielt worden mit dem Ziel, die Geister zu rufen. Man wollte die Leute versammeln, um dann gemeinsam zu beten oder etwas zu zelebrieren.

Als ob sich dabei der Geist befreie und in die Lüfte erhebt: eine Musik, die klangliche Linien in die Luft malt. Luftlinien. Airlines eben.

Antje Bonhage, rbbKultur