Francesco Tristano: On Earyl Music © Sony Classical
Bild: Sony Classical

"Best of 22": Album der Woche | 25.07. - 31.07.2022 - Francesco Tristano: "On Early Music"

Ursprünglich wollte der Pianist Francesco Tristano auf seinem jüngsten Album eine klingende Anthologie von Werken für Tasteninstrumente aus der Zeit um 1600 anbieten. Doch die Folgen der Corona-Pandemie haben ihn zum Umdenken gebracht. Um eigene Zutaten erweitert, liefert er nun ein schillerndes Album mit dem Titel "On Early Music", also "über Alte Musik".

Francesco Tristano ist ein vielseitiger Musiker. Er ist Pianist, Komponist und Produzent zwischen Konzertsaal und Techno-Clubs. Mit der Musik vom Mittelalter bis zum Barock ist der gebürtige Luxemburger, der auch italienische Wurzeln hat, seit Kindheit vertraut. Bei seiner Mutter hörte er viel Richard Wagner – daher sein zweiter Vorname Tristano – aber noch mehr Alte Musik.

Francesco Tristano © Breno Rotatori / Sony Music Entertainment
Bild: Breno Rotatori / Sony Music Entertainment

Alte Musik auf Klavier

Er hat auch ein wenig Cembalo studiert, besaß aber selbst kein solches Instrument und interpretierte die Alte Musik daher auf seinem Klavier. Er fand, dass es gar nicht schlecht klänge und führt historische Werke daher seit 20 Jahren immer wieder in dieser Weise auf.

Bereits 2007 hat Francesco Tristano ein Album mit Kompositionen von Girolamo Frescobaldi herausgebracht – damals noch unter seinen vollen Namen, aber seinen Nachnamen Schlimé hat er kurz danach als Künstler weggelassen, weil er drei Namen zu lang fand. Auch CDs mit Werken von Buxtehude und Bach hat er bereits herausgebracht.

Spiegelung im Jetzt

Durch das Klavier besitzt der Musiker automatisch eine Distanz zur historischen Aufführungspraxis, die er teilweise als "Rollenspiel der Vergangenheit" erlebt. Er sucht hingegen den zeitgenössischen Kontext und ließ deshalb sein Ursprungsidee fallen, eine geschlossene Anthologie alter Werke zu produzieren.

Die Reflexionen der Alten Musik in seinem eigenen Schaffen sind auch eine Folge der Corona-Pandemie. In dem 48 Tage währenden ersten Lockdown, den er mit seiner Familie zuhause verbringen musste, kam ihm die Erkenntnis, wie wichtig kleine Dinge im Leben sind und dass ein zeitgenössischer "Kommentar" zum historischen Repertoire nötig sei – dass in dieser Situation die Alte Musik also nicht sein alleiniger Referenzpunkt sein könne.

Drei Methoden

Obwohl er das Album bereits 2019 in Tokio aufgenommen hatte, setzte er deshalb noch einmal neu an und komponierte zusätzlich eigene Werke auf der Basis historischer Formmodelle oder Melodieschnipsel. Sie heißen Toccata, Ritornello oder Ciaccona seconda. Dafür ging er 2021 in Paris erneut ins Studio. Neben seinen eigenen Werken und weitgehend original belassenen stilisierten Tänzsätzen Frescobaldis und englischer Virginalisten brachte er aber noch eine dritte Variante auf das Album: drei Alte-Musik-Kompositionen hat weitergesponnen und verfremdet, insbesondere mit den Möglichkeiten der Studiotechnik.

Konzeptalbum

Zwar betont Francesco Tristano, dass jedes seiner Alben ein Konzeptalbum sei, denn ohne Konzept gäbe es keinen Grund für eine Aufnahme. Doch "On Early Music" ist ein umfassendes Projekt vom musikalischen Inhalt bis zur graphischen Gestaltung. Das Leitmotiv ist der Sonnenaufgang. Darauf hatte den langjährigen Runner ein besonderes Erlebnis gebracht. Das erste Jogging nach dem strengen Lockdown führte er am frühen Morgen durch und die wie neue Erfahrung von Energie und Licht ließ ihn nicht mehr los. Seither joggt er immer bei Sonnenaufgang, der ihm stets eine besondere Inspiration gibt.

Francesco Tristano © Breno Rotatori / Sony Music Entertainment
Bild: Breno Rotatori / Sony Music Entertainment

Parallele zur Musik

In den intensiven Momenten der Morgendämmerung erkennt der in Barcelona lebende Vierzigjährige eine Parallele zu Werken der Alten Musik. Es geht jeweils um kurze, magische Momente, die zugleich Anfang und Ende bedeuten. Gegen Ende der Musikstücke findet oft eine harmonische Wendung statt, eine Umkehr innerhalb weniger Sekunden, die dann zu einem beruhigenden Abschluss führt. Auf einem Beiblatt zur CD hat Francesco Tristano seine Erkenntnis kurz erläutert. Mehr gibt es nicht zu lesen, bis auf die klein gedruckte Titelliste.

Farbkonzept

Dafür ist dem Album jedoch ein zusammengefaltetes Fotoposter beigelegt, das seinen Ursprung darin hat, welche Farben der Sonnenaufgang hervorbringt. Der Pianist nennt ihn "eine Art Farbtherapie – die ganz spezielle Farbpalette, die ich morgens nur ganz kurz erlebe, prägt mich und wirkt lange nach".

Auf der einen Seite des Posters ist ein Sonnenaufgang über dem Meer abgebildet, in verwaschenen blau-grünen bis orangenen Farbtönen. Was auf der Rückseite in ähnlichen Farben dargestellt ist, bleibt unklar. Das Bild ist auf der Basis der Fotografie einer ephemeren Installation entstanden, verrät Francesco Tristano.

Vexierspiel

Ganz bewusst wird der Betrachtende im Vagen gelassen, genau wie der Hörer der CD. Altes und neu Komponiertes sollen ineinander übergehen, Greifbares und Künstlich-Künstlerisches verschwimmen.

Im Großteil des Albums steht das Perkussive stark im Vordergrund, der Groove und die rhythmische Komponente, die Francesco Tristano an der Alten Musik besonders schätzt. Dann bietet das Ende eine überraschende Wendung. Auf die ganze Fingerfertigkeit und Virtuosität folgt ein introspektiver Schlusspunkt, eine Art Meditation. Die ergreifende "Aria for RS" hat Francisco Tristano für einen kranken Freund geschrieben.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur