Georg Philipp Telemann - Violakonzerte; Antoine Tamestit © Harmonia Mundi
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Album der Woche | 19.04. - 24.04.2022 - Georg Philipp Telemann: Violakonzerte

Die Akademie für Alte Musik Berlin hat schon diverse Projekte mit Musik von Georg Philipp Telemann lanciert. Auf ihrem neuen Album stellt sie die Bratsche in den Mittelpunkt, in Zusammenarbeit mit einem renommierten Gast. Für den Pariser Antoine Tamestit ist es ein weiterer Schritt hin zum Barock, einer von ihm besonders geschätzten Epoche.

Im Alter von 11 Jahren sah der junge Geiger und Bratschist Antoine Tamestit den Historienfilm "Tous les Matins du Monde" ("Die siebente Saite") von Alain Corneau. Und er war so hingerissen von der Musik und dem Instrument Viola da gamba, dass er über einen Instrumentenwechsel nachdachte.

Antoine Tamestit, Bratschist © Julien Mignot
Bild: Julien Mignot

Alte Liebe

Letztlich blieb er zwar dem auf der Schulter gespielten Instrumentarium treu, doch seine Faszination für die Barockmusik hat seither nicht nachgelassen. Im Studium am Pariser Conservatoire beschäftigte er sich auch mit dieser Epoche und in den vergangenen Jahren hat er Bearbeitungen der Cellosuiten sowie der Gambensonaten von Johann Sebastian Bach mit seiner Viola aufgenommen.

Logischer Schritt

Als nächsten Schritt strebte er die Zusammenarbeit mit einem Spezialorchester an. Und da er ein Fan der Aufnahmen der Akademie für Alte Musik Berlin war und diese zudem beim selben französischen Label unter Vertrag steht wie er, nahm er Kontakt zu den deutschen Kollegen auf. Sehr natürlich und organisch sei das Zusammentreffen verlaufen, berichtet er – und daher stand gemeinsamen Projekten nichts im Wege.

Klangforscher Telemann

Neben Tamestits Anteil an einer neuen Gesamtaufnahme von Bachs "Brandenburgischen Konzerten" ist zunächst das aktuelle Telemann-Album realisiert worden. Es ist unter der Federführung des "Akamus"-Konzertmeisters Bernhard Forck entstanden. Wie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit hat der Frankfurter und Hamburger Musikdirektor Telemann mit unterschiedlichen Besetzungen experimentiert und auch weniger populäre Instrumente ins Licht gerückt. Dazu zählt die Bratsche, für die er das erste namhafte Solokonzert schrieb. Er hat aber auch ein Konzert für zwei Bratscheninstrumente komponiert, das Tamestit hier zusammen mit Sabine Fehlandt aufgenommen hat. Man rätselt allerdings, wie die hier vorgesehenen "Violettes" konkret aussahen und gestimmt waren.

Breites Bild

Antoine Tamestit beklagt, dass selbst das Telemann-Bratschenkonzert nicht wirklich bekannt sei, obwohl jeder Jungstudent es spiele. Und genauso sieht es mit vielen anderen Werken des Komponisten aus. Deshalb war es ein bewusstes Anliegen der Beteiligten, ein möglichst facettenreiches Album zu bieten. Teilweise ging dies allerdings nicht ohne Bearbeitungen ab. So spielt Tamestit auf seinem Instrument zwei der Telemann-Fantasien für Solo-Violine. Das sind Stücke, mit denen er gerne seinen Übe-Tag beginnt und die er in einem Atemzug mit Bachs Cellosuiten nennt. Und auch eine "Kanonische Sonate", die Telemann für Flöten, Geigen oder Gamben vorsah, präsentiert er im Duo mit Sabine Fehlandt.

Zuschauerrolle

Zwei große Bestandteile des neuen Albums wurden ohne das Aushängeschild Tamestit aufgenommen, dessen Porträt mit Bratsche das Cover der CD schmückt. Bei den beiden Suiten "Ouverture burlesque" und "La Changeante" hörte der Gast nur zu – und war begeistert vom "Swing" der Stücke in der Realisation der Akademie für Alte Musik. Die Erkenntnisse dabei habe er dann auf sein eigenes Spiel übertragen, erklärt der Solist: "Ich habe mich entschieden, freier zu spielen, vielleicht wie eine Mischung aus Folkmusiker und Klassikspezialist, und ich habe versucht, mehr sprechend zu spielen."

Hybridinstrument

Tamestit tut dies auf der "Mahler"-Stradivari, die der 42 Jahre alte Musiker seit mehr als einem Jahrzehnt leihweise besitzt. Zwar verwendet er Darmsaiten und spielt mit Barockbogen, aber es ist baulich ein modernisiertes Instrument, das er auch für zeitgenössische Kompositionen verwendet. Zudem spielt er mit Kinnhalter und Schulterstütze, die im Barock noch nicht gebräuchlich waren. All dies schmälert den Wert des abwechslungsreichen und spritzigen Albums jedoch in keiner Weise. Denn Tamestit gelingt es, in seiner Klangvorstellung und Tongebung den Spezialinstrumenten im Orchester nahe zu kommen. Und sein hörbarer Enthusiasmus, gekoppelt mit der großen Erfahrung und dem gewohnt lebhaften Spiel der Akademie für Alte Musik, machen dies zu einem beispielhaften Album für Telemanns Streichermusik.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur