Piotr Anderszewski: J. S. Bach – Das wohltemperierte Klavier; Montage: rbbKultur
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Album der Woche | 25.01. - 31.01.2021 - Johann Sebastian Bach: "Das Wohltemperierte Clavier" (2. Teil)

Eigentlich ist es ein pädagogisches Werk, das "Wohltemperierte Clavier" von Johann Sebastian Bach. Der Dirigent Hans von Bülow hat es als das "Alte Testament" der Musik bezeichnet. Dass in diesem Klassiker aber auch sehr viel Gefühl steckt, das demonstriert der polnische Pianist Piotr Anderszewski auf seiner neuen CD. Zwölf Präludien und Fugen aus dem zweiten Teil des "wohltemperierten Claviers" hat er aufgenommen.

"Bachs Musik hat keine Grenzen beim Ausloten, sowohl für den Interpreten als auch für den Hörer!"

Wie wohl jeder ambitionierte Pianist hat sich auch der Pole Piotr Anderszewski mit Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertem Clavier" auseinandergesetzt.

"Das ist eine lange Geschichte. Die reicht zurück bis ins Jahr 2002. Damals hat man mich gebeten, diese Stücke aufzunehmen. Aber erst vor etwa drei Jahren habe ich mich dazu entschlossen, zwölf Stücke aus dem zweiten Buch in Angriff zu nehmen."

Stimmungen darstellen

Klavierspiel – das ist für Piotr Anderszewski in erster Linie Darstellung von Stimmungen, von Gefühlen. In seinen Aufnahmen von Werken Beethovens, Schumanns oder seinem Landsmann Chopin hat er das immer wieder eindrücklich vorgeführt. Johann Sebastian Bach dachte beim Komponieren seines "Wohltemperierten Claviers" allerdings eher an gestimmte Klaviersaiten. Dennoch findet Piotr Anderszewski auch bei Bach Gefühle.

Piotr Anderszewski; © Ari Rossner / Warner Classics
Bild: Ari Rossner / Warner Classics

Eine Barockoper ohne Worte

"Ich wollte eine Folge von Stücken zusammenbringen, die in enger Beziehung zueinander stehen oder die im Charakter konträr sind, im Sinne eines Dramas."

Aus den zwölf Präludien und Fugen werden unter den Fingern von Piotr Anderszewski zwölf menschliche Charaktere, die sich miteinander unterhalten. So entsteht, wenn man so will, eine Barockoper ohne Worte, in der es Zornesarien ebenso gibt wie kokette intime Liebesduette …

Emotionen in Bachs Noten

Piotr Anderszewski schafft es tatsächlich, so zu fesseln, dass man beim Zuhören sozusagen bei der Stange bleibt, nach jedem verklungenen Stück gespannt ist, wie er das nächste anlegt, welche Emotionen er jetzt weckt. Das tut er aber nie, um bloße Effekte zu erzielen. Er findet die Emotionen in Bachs Noten – und er denkt den historischen Hintergrund dabei mit.

"Ich finde, Emotion und historisch-informiertes Spiel schließen sich absolut nicht aus! Bachs Musik ist kraftvoll und lyrisch zugleich – und jede Interpretation, egal auf welchem Instrument sollte dieser wunderbaren lyrischen Qualität eine Stimme geben!"

Lyrisch und schwerelos

Gerade das lyrische Element arbeitet Piotr Anderszewski besonders heraus. Er kreiert Klänge, die scheinbar schwerelos sind, die sich im Universum verlieren. Womöglich Gefühlsregungen eines altersweisen Komponisten?

"Einige Stücke aus dem zweiten Buch sind Spätwerke, aber einige auch früher entstanden. Es sieht so aus, als ob Bach diese noch einmal überarbeitet hat. Es ist in jedem Fall ein Werk von großer Weisheit, aber zugleich auch ein 'Work in progress'".

Das ungestüme Genie des jungen Bach und die Visionen des alten – es findet sich beides im Wohltemperierten Clavier. Und mit Piotr Anderszewski als Medium wird beides erlebbar.

Claus Fischer, rbbKultur