Aaron Pilsan: The Well-Tempered Clavier © Alpha Classics
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Album der Woche | 31.05. - 06.06.2021 - Aaron Pilsan: "Bach - Das Wohltemperiere Klavier I"

Der österreichische Pianist Aaron Pilsan ist zwar erst 26 Jahre alt, aber seine Karriere ist bereits beachtlich. Als Jungstudent am Mozarteum in Salzburg studierte er bei Karl-Heinz Kämmerling, später bei Lars Vogt. Dabei bildete Bachs Musik stets einen Schwerpunkt in seiner Ausbildung. Ein Album mit dem Cellisten Kian Soltani hat er bereits veröffentlicht und ein Soloalbum, das Werken von Beethoven und Schubert gewidmet ist. Jetzt hat er sich an Bachs Wohltemperiertes Klavier gewagt.

 

Freude am Klang, an der Musik, an der Vielfalt verschiedenster Stimmungen und Affektlagen – all dies strahlt Aaron Pilsans Einspielung des ersten Buchs von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" aus. Denn seiner Überzeugung nach hat Bach diese Werke bei aller Vielfalt der in ihnen ausgedrückten Gefühlslagen komponiert, damit man sich an der Musik und mit der Musik erfreue.

Spielerisch und mit großer Leichtigkeit durchstreift der Pianist die wechselnden Ausdruckslandschaften der 24 Präludien und Fugen. Sehr weit weg erscheint angesichts der Lebendigkeit seines Spiels der Gedanke an Hans von Bülows Ehrfurcht einflößendes Wort, Bachs bahnbrechendes Werk sei das "Alte Testament" der Musik.

Bachs Lebensfreude

"Bach war selber ja auch ein sehr lebensfroher Mensch", erzählt Aaron Pilsan. "Er hat sich gern mit Freunden getroffen, er hat gern abends ein Glas Wein getrunken und Zigarre geraucht – warum muss das dann so ernst klingen? Ich finde, das sollte dann auf jeden Fall auch Spaß machen".

Spaß steht für Aaron Pilsan natürlich nicht im Gegensatz zu einer langjährigen und tiefgreifenden künstlerischen Auseinandersetzung – im Gegenteil: Bach bildete bereits in seiner Kindheit einen Schwerpunkt seiner Ausbildung, als er bei Iván Kárpáti den ersten Klavier- und Kompositionsunterricht erhielt. Mit sechzehn Jahren widmete er einen ganzen Sommerurlaub dem Studium des Wohltemperierten Klaviers und seitdem hat ihn diese Musik nicht mehr losgelassen:

"Und danach war es wirklich wie so ein tägliches Brot für mich. Ich hab mich oft damit auch eingespielt und später dann auch viele andere Werke von Bach studiert, mich mit verschiedenen Interpretationen beschäftigt, auch Cembalo gelernt und Clavichord und so und dann irgendwann nach einiger Zeit dachte ich, jetzt wär‘s soweit und dann kam noch der Lockdown dazu und dann hat das Timing also zumindest für die Aufnahme gut gepasst."

Ein wohltemperiert gestimmter Steinway

Bei aller Leichtigkeit ist Pilsans Spiel reich an rhetorischen Nuancen, Akzenten und vor allem: Farben. Dazu trägt auch eine Besonderheit seines Flügels bei. Für seine Aufnahme hat er den modernen Steinway im Geiste Bachs wohltemperiert stimmen lassen. Diese Stimmung weicht subtil von der heute üblichen Stimmung ab. Aaron Pilsan erklärt:

"Früher, mit den Kirchentonarten, hat man bis auf eine Quinte alles mehr oder weniger rein gestimmt und das ist dann eben nicht möglich, mehrere Tonarten zu spielen. Heutzutage sieht der Kompromiss so aus, dass alle Intervalle auf dem Klavier gleich schlecht sind. Ich sag bewusst gleich schlecht, weil es eben kein einziges Intervall gibt, was besonders gut klingt. Und zu Bachs Zeiten wussten die schon, man könnte jetzt alle Intervalle gleich stimmen, aber der Bach wollte das gar nicht und er nannte das ja auch das wohltemperierte Klavier. Und wohltemperiert bedeutet, dass es einige Intervalle gibt, die besser klingen und einige, die schlechter klingen“.

In der wohltemperierten Stimmung beginnen einige Tonarten wie C-Dur oder G-Dur besonders zu leuchten, während etwa cis-Moll, b-Moll oder f-Moll besonders leidend klingen. Bach machte sich diese Charakteristiken der Tonarten in seiner Komposition sehr bewusst zunutze. Aaron Pilsan:

"Zum Beispiel die Fuge in f-Moll fängt mit einem sehr improvisatorischen und melancholischen Satz an. Die Fuge ist dann auch sehr chromatisch, also hat sehr, sehr viele Halbtöne. Während zum Beispiel das Präludium in G-Dur mit vielen zerbrochenen Akkorden sehr virtuos komponiert ist, sehr freudig und da verwendet er dann eben eine besonders gute Tonart."

Unverwechselbare Facetten und Stimmungen

Jedes Präludium- und-Fugen-Paar erhält in Pilsans Aufnahme seine ganz spezifische Färbung und Stimmung. Die Nuancen der wohltemperierten Stimmung springen nicht jedem unmittelbar ins Ohr. Sie prägen den Ausdruck eher so, wie feine mimische Bewegungen zur Physiognomie eines Gesichts beitragen. Aaron Pilsan möchte diese Facetten nicht mehr missen:

"Meiner Meinung nach ist das ein wichtiger Bestandteil dieses Werks, weil es ja auch so heißt. Und wenn das Ganze gleichstufig ist, so wie die Flügel heutzutage gestimmt sind, dann geht einfach viel verloren".

Und wann folgt Band 2 des Wohltemperierten Klaviers? Aaron Pilsan:

"Ich spiele den zweiten auch – und ob und wann der erscheint, da möchte ich für den Moment noch nicht zu viel verraten".

Julia Spinola, rbbKultur