Johann Sebastian Bach: Orchestersuiten Nr. 1 - 4 © cpo
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Album der Woche | 30.08. - 05.09.2021 - Johann Sebastian Bach: Orchestersuiten Nr. 1 - 4

"Bach - Die vier Ouvertüren - Original-Versionen": So steht es auf dem Cover des neuen Albums von Concerto Copenhagen. In diesen Ouvertüren oder Orchestersuiten stecken echte Bach-Hits, die Badinerie mit der Soloflöte oder der langsame Streichersatz "Air" in der ansonsten prachtvoll mit Trompeten und Pauken glänzenden 3. Suite. Doch Trompeten und Pauken oder Orchester sucht man in dieser neuen Einspielung vergebens.

Lars Ulrik Mortensen, Leiter des nationalen dänischen Barockorchesters, sucht immer den neuen Blick auf vertraute Werke:

"Diese Suiten waren eigentlich immer ein Hauptteil vom Repertoire von Concerto Copenhagen, aber wir haben sie über die Jahre auf alle möglichen Weisen gespielt.“"

Jubiläums-Album

Seit 30 Jahren gibt es Concerto Copenhagen nun. Und mit dieser Aufnahme der vier Bach-Ouvertüren beweist das Ensemble um Lars Ulrik Mortensen erneut seine geistige Frische.

"Tempi haben sich geändert, Charakter haben sich geändert, Balance, Dynamik, alles Mögliche und immer noch kommt es beim Konzert leicht vor, dass wir plötzlich wenigstens mit einer anderen Art von Interpretation experimentieren.“

Es gebe keine Ideal-Interpretation, sagt der Cembalist und Dirigent Mortensen, Bachs Ouvertüren "machen auf viele verschiedene Weisen und Arten Sinn.“

"Was für unsere Aufnahme eigentlich das allerwichtigste ist: Wir nennen sie nicht 'Orchestersuiten', weil der generelle Tenor dieser Aufnahme ist, dass die Suiten tatsächlich Kammermusik sind.“

Ohne Pauken und Trompeten

Kein Orchester spielt hier, sondern es gibt für jede Stimme genau einen Musiker. Die 3. Suite in D-Dur (die mit dem "Air") hat man vielleicht anders im Ohr - mit Oboen, Trompetenglanz und Pauken. Doch die fehlen bei Concerto Copenhagen.

Der Grund: Bach hat sie wohl erst später hinzugefügt. Zwar hat sich keine Originalhandschrift erhalten, mit der man diese These beweisen könnte. Aber Experten lesen das aus der Art, wie Bach mit den Bläsern umgeht. Sie haben nirgends eigene Soli. Hätte Bach sie von Anfang an dabei gehabt, hätten sie eigene Partien. So aber spielen sie nur das mit, was in den Stimmen der Streicher steht. 5 Streicher, 1 Cembalo – das reicht Lars Ulrik Mortensen. Denn es fehlt kein Ton, im Streichersatz steckt der ganze Bach.

Wo bleibt die Pracht?

"Es kommen immer noch Reaktionen darauf. 'Aber wo bleiben die Trompeten?' oder 'Was ist mit diesem Gewicht und Pracht?', erzählt Mortensen.

"Und meine Antwort darauf: Naja, vielleicht ist es nicht nur ein Verlust, weil man jetzt auch sehr viele Details hört und sehr viele Elemente in der Musik, die häufiger in größeren oder fetteren Zusammenhängen ein bisschen verloren gehen.“

Unterhaltungsmusik

In der 4. Suite zum Beispiel tritt an die Stelle von pompöser Pracht auf einmal ein fast grotesker Witz. Und die Musiker*innen von Concerto Copenhagen haben daran hörbar Spaß! Und immerhin hat Bach später aus dem 1. Satz den Eingangschor für die Kantate "Unser Mund sei voll Lachens" gemacht. Das ist für Mortensen ein wichtiger Wegweiser. Die Suiten sollen unterhalten.

"Wenn wir die Suiten spielen, stell ich mich immer vor, jetzt sitzen wir tatsächlich auf einer kleinen Bühne in einem Café oder Restaurant, nicht in einem Konzertsaal, nicht unbedingt mit einem Publikum die nur zuhört, sondern auch isst, trinkt, vielleicht sich ein bisschen leise unterhalten im Hintergrund und vielleicht nicht immer mit einer Konzentrationsstufe auf 100% - genauso wie bei einem Jazz- oder Rockkonzert, wo man natürlich auch teilnimmt, aber nicht mit dieser Ehrfurcht, die wir jetzt häufig mit einem 'klassischen' Musikerlebnis verbinden.“

CoCos frischer Zugang

Wenn dann die Flötistin Katy Bircher in der 2. Suite ihr Solo spielt – vor allem in der "Badinerie", dann möchte man spontan applaudieren – wie beim Jazz. Concerto Copenhagen, kurz CoCo, lässt uns die vertrauten, vielleicht sogar etwas zu viel gespielt Bach-Werke ganz neu hören.

Der frische dänische Blick auf diese Musik, respektvoll, aber ohne falsche Ehrfurcht, tut gut.

Christian Schruff, rbbKultur