Juri Vallentin, Trio d'Iroise: Ebenbild © PASCHENrecords
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Album der Woche | 14.03. - 20.03.2022 - Juri Vallentin und Trio d'Iroise: "Ebenbild"

Juri Vallentin ist einer der kommenden, jungen Oboisten. Er hat viele Preise gewonnen und lehrt in Karlsruhe an der Musikhochschule. Jetzt hat er gemeinsam mit dem Trio d'Iroise das Album "Ebenbild" vorgelegt. Die Musiker:innen verfolgen, wie ein Renaissancelied erst zum Passionschoral geworden ist und dann von Komponisten der Frühklassik bis zur Moderne aufgegriffen wurde.

Juri Vallentin, Oboist © Uwe Mühlhäusser
Bild: Uwe Mühlhäusser

Als Knabe wollte Juri Vallentin Sänger werden. Er trat bereits solistisch in Kirchen auf, unter anderem mit Arien von Johann Sebastian Bach:

"Mit dem Stimmbruch hat damals meine Lehrerin gesagt: Mach erstmal eine Pause – und dann muss sich die Stimme wiederfinden. Und ich befinde mich sozusagen immer noch in dieser Pause, ich bin nicht mehr aus der Pause rausgekommen, weil dann die Oboe so viel Raum eingenommen hat!“

Heute singt Juri Vallentin lieber mit der Oboe, etwa in Werken des böhmisch-französischen Komponisten Charles Bochsa – eine der musikalischen Entdeckungen des neuen Albums.

Preisträger und "musikalischer Allesfresser"

Juri Vallentin hat weltweit an Musikwettbewerben teilgenommen, fast überall mit großen Erfolg. 2017 gewann er beim Deutschen Musikwettbewerb den Hauptpreis und den Publikumspreis. Damit begann die sprichwörtliche Blitzkarriere mit Konzertverpflichtungen in ganz Europa. Inzwischen ist er an der Musikhochschule in Karlsruhe tätig - als einer der jüngsten Professoren Deutschlands.

"Ich verstehe mich auch als eine neue Generation von Musiker:innen, die 'musikalische Allesfresser' sind in Stilen. Ich will mich nicht mehr wie viele Oboisten festlegen auf Barock, Klassik, Romantik, sondern wirklich das ganze Spektrum des Instruments ausschöpfen."

Und das spiegelt sich wider in "Ebenbild".

Leitmotiv des Albums: Eine über 400 Jahre alte Melodie

Zugrunde liegt dem Album eine Melodie, die über 400 Jahre lang durch die Musikgeschichte geistert. Geschaffen hat sie der Renaissancekomponist Hans-Leo Haßler zu einem Liebesgedicht: "Mein Gmüth ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart". Mit einem geistlichen Text des protestantischen Dichterpfarrers Paul Gerhardt avancierte die Melodie schließlich zum bekanntesten Passionslied in deutscher Sprache: "O Haupt voll Blut und Wunden".

Beide Texte, der weltliche und der sakrale, haben Juri Vallentin zum Programm des Albums mit dem Trio d'Iroise angeregt. Herausragend das Quartett in d-Moll von Johann Gottlieb Janitsch, einem Musiker in der Hofkapelle Friedrichs II. von Preußen:

"Im dritten Satz erscheint die Melodie von 'O Haupt voll Blut und Wunden' als Cantus firmus in der Oboe, sie schwebt ganz langsam über die vielen kleinen Verzierungen, die in den Streichern stattfinden. Das ist ein wahnsinnig intensives Bild für eben diese Irrungen und Wirrungen, die das lyrische Ich in dem Text durchlebt."

Ganz anders als Johann Gottlieb Janitsch verarbeitet der 2019 verstorbene niederländische Komponist Theo Verbey das Liebeslied bzw. den Choral in seinen vier "Preludes to infinity", was man mit "Vorspielen zur Unendlichkeit" übersetzen kann.

Juri Vallentin und Trio d'Iroise © Niklas Wittig
Bild: Niklas Wittig

Kongeniale Musikerkolleg:innen - das Trio d'Iroise

Das Trio d'Iroise, das Juri Vallentin für sein neues Album gewinnen konnte, ist wie er in Hannover beheimatet:

"Das sind zwei Musiker:innen der Radiophilharmonie und ein freier Cellist von hier. Wir sind einfach befreundet und hatten die Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen für unsere Besetzung.“

Mit der Romanze aus dem Streichtrio des australischen Komponisten Frederick Septimus Kelly – eine der musikalischen Entdeckungen auf dem Album – ist das Trio d'Iroise auch allein zu hören.

Musik und Wort als sinnliche Erzählung

Den beiden verwirrten Seelen nachspüren, der hoffnungslos verliebten - und deren Ebenbild, die um ihren Erlöser trauert, der am Kreuz verblutet - eine imaginäre Reise, eine Meditation in Musik - und auch in Wort. Denn neben Juri Vallentin und dem Trio d'Iroise ist die Schauspielerin Caroline Junghanns zu hören, die die Strophen beider Lieder so vorträgt, als wären sie gerade erst entstanden. So werden Musik und Sprache zur sinnlichen Erzählung.

Claus Fischer, rbbKultur