Khatia Buniatishvili: Labyrinth © Sony Classical
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ALBUM DER WOCHE | 19.10. – 25.10.2020 - Khatia Buniatishvili: "Labyrinth"

Mit drei Jahren saß Khatia Buniatishvili zum ersten Mal am Klavier, mit fünf hat sie nach Noten gespielt, mit sechs war klar: sie würde Musikerin werden. So begann die Karriere der georgisch- französischen Pianistin. Sie studierte in Tblissi, später in Wien, woher sie ihre deutschen Sprachkenntnisse hat. Inzwischen ist Khatia Buniatishvili 33, hat zahlreiche Preise gewonnen und ist in den Konzertsälen auf der ganzen Welt gefragt. Die Werke auf ihrem neuen Album "Labyrinth" haben für Khatia Buniatishvili mit ihrem Leben zu tun. Ihren Lebensgefühlen.

"Was wir vom Leben erwarten, müssen wir in uns selbst suchen"

Da ist zum Beispiel die Erinnerung an ein Gefühl aus der Kindheit, der Jugend: der Glaube, dass alles absolut und für immer ist. Unabhängig von einem selbst. Für Khatia Buniatishvili ausgedrückt in "Deborah’s Theme" des kürzlich verstorbenen Filmmusik-Komponisten Ennio Morricone.

"Wir erwarten vom Leben, dass es uns unsere Wünsche und Träume erfüllt", so die Pianistin. "Aber alle, was wir erwarten, müssen wir zuerst in uns selbst suchen."

Der Regebogen zeigt Schönheit - und zugleich ihren Zerfall

Oder da ist das Gefühl, aus einem schönen Traum zu erwachen. So wie einen die Schönheit eines Regenbogens zunächst überwältigen kann, aber während man den Regenbogen anschaut, lösen sich die Farben auf, bis am Ende nichts mehr von seiner Schönheit da ist, allenfalls eine ferne Erinnerung. Für Buniatishvili hat György Ligeti dieses Erlebnis musikalisch ausgedrückt in seinem Stück "Arc-en-ciel". Regenbogen

Verbundenheit als Freude

Und dann sind da diese unbändigen heiteren Gefühle, solche wie in Bachs "Badinerie". Khatia Buniatishvili hat diesen Satz aus der h-moll-Orchestersuite für Klavier zu vier Händen arrangiert - und auf dem Album eingespielt mit Gvantsa Buniatishvili, ihrer Schwester. Denn die "Badienerie" drücke für sie aus, wie es sich anfühle, etwas mit einem anderen Menschen gemeinsam zu machen, erklärt die gebürtige Georgierin. Etwas mit einem anderen Menschen zu teilen.

"Deswegen habe ich das Stück gemeinsam mit meiner Schwester gespielt. Diese Art der Verbundenheit ist voller Freude. Es ist das Gefühl, dass es einen Menschen gibt, der dich versteht, der akzeptiert, wie du bist und nicht versucht, dich zu ändern."

Verbundenheit als Schmerz

Doch es gibt auch das Gegenteil: Verbundenheit als Schmerz. Dieses Gefühl findet Khatia Buniatishvili in Musik des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt. "Pari intervallo" heißt das Stück, hier am treffendsten übersetzt mit: gleichbleibender Abstand. Auch Pärt spielen die Buniatishvili-Schwestern vierhändig.

Es gebe, sagt Buniatishvili, Beziehungen, die uns spüren lassen, dass man einander nicht vollständig gehören könne.

"Es gibt diese Anziehungskraft, miteinander sein zu wollen. Aber das ist niemals ganz und gar möglich. Allenfalls teilweise. Und diese Grenze vermittelt ein Gefühl von Schmerz."

Das Leben als Labyrinth ohne Ausweg

Khatia Buniatishvili betrachtet das Leben als ein Labyrinth. Genauso vielfältig, genauso verworren, genauso ausweglos. Unsere Gefühle, sagt sie, könnten uns helfen, die Ausweglosigkeit zu ertragen und zugleich Vielfalt zu erleben. Diesen Gedanken möchte die Pianistin mit ihrer sehr persönlichen CD zum Ausdruck bringen. Auch deshalb hat sie ihr Album "Labyrinth" genannt. Und auch deshalb hat sie so vielfältige Stücke ausgewählt: von Bach, Couperin und Scarlatti, über Chopin, Brahms und Rachmaninow, von Liszt, Satie und Villa-Lobos bis hin zu Morricone, zu Ligeti, Pärt und Glass.

Stille ertragen – und mit Leben füllen

Und dann gibt es da noch das vielleicht gewagteste Stück. Denn wann hört man auf einer CD schonmal: Stille. Viereinhalb Minuten lang. "4’33" so der Titel. Der amerikanische Komponist John Cage hatte die Idee. Während der Aufnahme saß Khatia Buniatishvili 4 Minuten und 33 Sekunden still vor ihrem Klavier in der Philharmonie in Paris. Zwischendrin hört man Vögel vor dem Fenster. Viereinhalb Minuten - ein Moment, der kurz sein kann. Aber auch lang, vor allem, wenn man ihn ertragen muss. Khatia Buniatishvili fordert die Hörer ihres Albums auf, die Stille zu hören und sie in ganzer Länge zu ertragen. Eine Herausforderung, sagt sie:

"Vielleicht fühlen sich die Hörer nicht danach, vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang der Stille mit mir zu lauschen. Aber so ist das Leben manchmal. Wir entscheiden nicht alles. Aber was wir in diesen viereinhalb Minuten machen, ist unsere Wahl."

Die Rahmenbedingungen können wir nicht ändern, betont sie. Aber wir können sie mit Klängen, mit Gefühlen, mit Leben erfüllen - unsere Rahmenbedingungen. Die Stille. Das Labyrinth.

Antje Bonhage, rbbKultur