Lautten Compagney: "Time Zones" © Deutsche Harmonia Mundi
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ALBUM DER WOCHE | 16.11. – 22.11.2020 - Lautten Compagney: "Time Zones"

Die Berliner Lautten Compagney hat schon eine Menge Erfahrung mit Projekten, in denen sie Musik aus unterschiedlichen Epochen kombiniert. Auch ihr neues Album "Time Zones" - Zeitzonen - ist in dieser Weise gestaltet. Es ist ein "Geschenk" der Corona-Pandemie.

So wie viele Bereiche der Kulturszene sind auch freie Musikensembles und Orchester stark von den Einschränkungen der Corona-Krise betroffen. Im Frühsommer hat die Kulturstaatsministerin Monika Grütters deshalb ein Hilfspaket für diese Musikgruppen geschnürt. Und zu den 27 Bewerbern, die daraus bedient wurden, zählt auch die Lautten Compagney.

Optimale Bedingungen

Ihren Förderantrag hatte das Ensemble "Corona Challenges" überschrieben - Corona-Herausforderungen. Und ein Teil des vorgeschlagenen Programms bestand in der Aufnahme einer CD. Dank der staatlichen Hilfen konnte man ohne Zeitdruck und mit der außergewöhnlich großen Besetzung von 21 Musikerinnen und Musikern ans Werk gehen.

"Wir waren alle wahnsinnig vergnügt und hatten beste Laune,
“ erinnert sich Ensembleleiter Wolfgang Katschner an die vier Tage in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem.

November-Album

Es sei deshalb die ganze Zeit eine "Bomben-Stimmung" gewesen, weil es in dieser Zeit etwas Besonderes sei, gute Arbeit machen zu können. Und dafür auch noch angemessen bezahlt zu werden. Zudem war das Wetter Mitte August auch noch prächtig. Dennoch ist daraus ein richtiges "November-Album" geworden. Gerade beim ersten Hören hat "Time Zones" eine angedunkelte, vernebelte Anmutung.

"Da sind viele ruhig fließende Stücke drin, genau das Richtige für einen grauen, trüben Herbsttag," so Katschner.

Melancholische Musik

Dies liegt an der Kombination von Werken des barocken Hallenser Stadtmusikers Samuel Scheidt mit Stücken des Parisers Erik Satie aus der Zeit um 1900. "Manchmal ist die Musik aus dem 17.Jahrhundert, also von Scheidt, relativ melancholisch, und melancholisch ist Satie auch an vielen Stellen."

Dies ist einer der Aspekte, weshalb Wolfgang Katschner die beiden Komponisten zusammengebracht hat.

Hörauswahl

Bei Samuel Scheidt ist er anders vorgegangen. Hier traf er eine Auswahl anhand der Noten-Gesamtausgabe. Entschieden hat er sich schließlich insbesondere für Ensemblestücke aus dem ersten Band der Sammlung "Luci musici", er hat aber auch einige Vokalwerke instrumental realisiert. Um das Gleichgewicht nicht zu stören, hat er den oft sehr kurzen Satie-Stücken meist auch nur knappe Sätze von Scheidt gegenübergestellt.

Geglückter Zusammenklang

Trotz der vielen kurzen Stücke wirkt "Time Zones" dank der geschickten Abfolge und der oft sanften Übergänge nicht zersplittert. Auch fügen sich die Klangwelten von Scheidt und Satie gut zusammen. Das Ensemble nutzte seine große Besetzung, um die barocken Werke sehr abwechslungsreich zu instrumentieren. Bei vielen Kompositionen von Satie und zwei kurzen Scheidt-Stücken sorgen die beiden "modernen" Instrumente Saxofon und Marimbaphon für besondere klangliche Reize.

Skurriler Humor

Exklusiv bei Satie findet sich ein skurriler und manchmal rätselhafter Humor. Beispiele: In den vielleicht wegen Saties ungemütlichen Unterkunft so genannten "Kalten Stücken" ("Pièces Froides") überschreibt er einige als "Melodien, die einen zum Weglaufen bringen", während er in dem kurzen "Sur un casque" ("Auf einem Helm") eine Militärparade karikiert und in der "Sonatine bureaucratique" imaginär die Schreibmaschinen klappern lässt.

"Es ist immer doppelbödig und ironisch und ich glaube, am besten assoziiert man das mit dem Dadaismus,"
sagt Wolfgang Katschner dazu.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur