Lisa Maria Schachtschneider: Feminae; Montage: rbbKultur
ARS Produktion
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Album der Woche | 15.02. - 21.02.2021 - Lisa Maria Schachtschneider: "Feminae. The Female in Music"

Zu den bekanntesten Werken der Klavierliteratur zählen hauptsächlich Stücke männlicher Komponisten. Für die Pianistin Lisa Maria Schachtschneider ein Beleg dafür, dass Komponistinnen in der Klassikwelt nach wie vor unterrepräsentiert sind. Hier setzt die gebürtige Berlinerin mit ihrer Debüt-CD an: "Feminae. The Female in Music", so der Titel. Mit Klaviermusik von fünf Frauen und einem Mann.

Unter den Frauen sind Clara Schumann und Fanny Hensel vertreten. Dass Frauen grundsätzlich anders komponieren als Männer, glaubt Lisa Maria Schachtschneider nicht. Vielmehr ist sie überzeugt, dass niemand es bemerkt hätte, wenn Fanny Hensel beispielsweise ihr "Introduction und Capriccio in h-Moll" unter dem Namen ihres Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy veröffentlicht hätte. Vermutlich, so die Pianistin, wäre ihr Werk dann sogar noch bekannter geworden.

Selbst das Oeuvre der seit einigen Jahren quasi wiederentdeckten und hoch geschätzten Clara Schumann hätten womöglich heute noch mehr Menschen im Ohr, wäre es unter dem Namen ihres Mannes erschienen.

Komplexe Harmonien in Clara Schumanns "Variationen"

Auf der CD hat Lisa Maria Schachtschneider Clara Schumanns "Variationen über ein Thema von Robert Schumann" eingespielt.

"Sie hat als Thema ein kleines Stück von Robert Schumann genommen, in fis-Moll und hat darauf sieben Variationen komponiert, in denen sie das Thema verändert", so die Pianistin und weist auf die besonders finstere Tonart fis-Moll hin, in der Clara Schumann das Werk schrieb.

"Sie war zu dem Zeitpunkt in einer sehr düsteren, depressiven Gemütsverfassung, weil es ihrem Mann gesundheitlich schon sehr schlecht ging."

Lisa-Maria-Schachtschneider; © Kaupo Kikkas
Bild: Kaupo Kikkas

Clara komponierte das Werk zwei Jahre, bevor Robert starb. Es sollte eine ihrer letzten Kompositionen sein. Denn nach dem Tod ihres Mannes musste sie für den Unterhalt der sieben Kinder aufkommen. Als Konzertpianistin. Zum Komponieren blieb da kaum Zeit. Jedoch zeugen ihre Werke von ihrem Können. Lisa Maria Schachtschneider:

"Sie komponiert es einfach mit unglaublich verschlungenen komplexen Harmonien, die auch gar nicht so einfach zu lernen und im Gedächtnis zu behalten sind. Und sie erreicht eine Gefühlstiefe, die einen sehr berührt."

Elisabetta de Gamberini: einst eine Berühmtheit, heute vergessen

Auf dem Album befinden sich auch Werke noch seltener gespielter Komponistinnen. Die Sonate in C-Dur von Elisabetta de Gamberini beispielsweise. Eine britische Musikerin des 18. Jahrhunderts. Komponistin, Dirigentin, Sängerin. Sie starb bereits im Alter von 35 Jahren. Zu ihren Lebzeiten in Großbritannien eine Berühmtheit, ist Gamberini heute nahezu vergessen. Sehr zu Unrecht, findet Lisa Maria Schachtschneider:

"Sie war die erste Frau, von der eine Sammlung für Tasteninstrumente veröffentlicht wurde. Ihr Kompositionsstil geht ein bisschen in Richtung Scarlatti. Ich finde ihre Art zu komponieren einfach sehr, sehr schön und sehr besonders."

Zwei Zeitgenössinnen: Margrit Schenker und Tatjana Komarova

Auch Werke zweier zeitgenössischer Komponistinnen sind auf dem Album vertreten. Das kleine Improvisationsstückchen "Palme im Schnee" von Margrit Schenker. Aus dem Jahr 1999. Und die "Sonata" von Tatjana Komarova. Geboren wurde die Komponistin 1968 in Weißrussland. Heute lebt sie in Berlin. Komarova schrieb das Werk 1990, im Alter von 22 Jahren.

"Sie hat die Sonata komponiert, kurz nachdem sie ihren damaligen Ehemann Lars Vogt, den bekannten Pianisten in Moskau, beim Tschaikowsky Wettbewerb kennengelernt hatte.", erzählt Lisa Maria Schachtschneider.

"Da war sie frisch verliebt und hat so die Sonata ihm auch gewidmet."

Für viele Frauen bricht die musikalische Karriere irgendwann ab

Inzwischen ist Tatjana Komarova überwiegend als Künstler-Agentin tätig. Der Werdegang passt zu einer Studie des Kulturrats, die für Lisa Maria Schachtschneider viel aussagt - über die Situation von Frauen in der Musikszene:

"Laut dieser Studie gibt es zwar sehr viele Kompositions-Studentinnen, mehr als männliche Studenten. Aber später sitzen dann doch deutlich mehr Männer in den Professuren. Und auch als freiberufliche Komponistinnen sind zum Beispiel bei der Künstlersozialkasse viel weniger Frauen gemeldet."

Das, so die Pianistin, lasse darauf schließen, dass die Klassikwelt noch weit entfernt ist von einer Gender-Gleichberechtigung.

Das Ziel: Männer und Frauen zu gleichen Anteilen

Ein Verhältnis Fifty/Fifty schwebt Schachtschneider vor. Genau deshalb hat sie in ihr Album "Feminae" auch einen männlichen Komponisten mitaufgenommen: Robert Schumann, mit seinen rund 20 Charakterstücken aus dem "Carnaval" von 1837. Die Länge von "Carnaval" macht etwa die halbe Spielzeit des Albums aus:

"Das ist sozusagen diese 50-50-Gleichberechtigung, die ich schön fände. Die habe ich realisiert auf meiner CD."

Antje Bonhage, rbbKultur