Lisa de la Salle: When do we dance © Naïve
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Album der Woche | 14.06. - 20.06.2021 - Lise de la Salle: "When do we dance?"

Rachmaninow und Ravel, Bach und Mozart, Chopin, Schumann und Liszt hat die französische Pianistin Lise de la Salle auf bisherigen CDs eingespielt. Ein rein klassisches Programm. Jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, wagt sie sich auf ihrem aktuellen Album auf neues Terrain. "When do we dance?" - Wann tanzen wir? - fragt der Titel des Albums. Und sobald man die CD auflegt, ist die Antwort klar: sofort.

Mit George Gershwins "When do we dance?" eröffnet sie. Man kann kaum anders, als leichtfüßig loszulegen. Heiter tanzen die Finger der Pianistin Lise de la Salle über die Tasten. Rhythmus und Bewegung seien nicht nur die gemeinsame Grundlage von Musik und Tanz, sondern auch für sie zwei wesentliche Dinge des Lebens, sagt Lise de la Salle.

Zeitlose Musik mit dem Ambiente verrauchter Jazzclubs

Beim Evergreen "Tea for Two" in der Version des amerikanischen Jazzpianisten Art Tatum wähnt man sich in einem verrauchten New Yorker Nachtclub der 30er Jahre. Ebenso bei dem Stück "Vipers Drag" von Fats Waller – dem großen Vorbild von Art Tatum. Für die junge Pianistin sind es zeitlose Werke, ohne Verfallsdatum:

"Die Musik ist noch genauso schwungvoll, der Swing ist geblieben. Sie ist voller Leben.“

Reise nach Argentinien ...

Von den USA geht es nach Argentinien. Zu Astor Piazzolla und seinem Libertango. Anschließend, in den drei Argentinischen Tänzen von Alberto Ginastera, wird es stürmisch, erregt. Der Komponist hat sich für die Tänze aus dem Jahr 1937 von der Kultur und dem kühnen Charakter der "Gauchos" inspirieren lassen, den argentinischen Kuhtreibern. Träumerei und Melancholie hat Ginastera dort gefunden, genauso wie Überschwang und fast irrsinnig klingende Ausgelassenheit.

... und weiter nach Europa

Lise de la Salle nimmt die Hörerinnen und Hörer mit auf die Reise - über Spanien, mit Manuel de Fallas Feuertanz, in ihr Heimatland Frankreich. Die Idee zu dem Album sei bereits vor der Pandemie entstanden, erzählt die Pianistin. Jetzt passe es umso besser: tanzen, reisen – alles Dinge, die so lange nicht möglich waren.

Altbekanntes und Neuentdeckungen

Mit dem Album wollte sie aber auch dazu beitragen, ein paar Stücke neu zu entdecken. Zum einen habe sie bekannte Werke ausgewählt, wie zum Beispiel Maurice Ravels "Valses nobles et sentimentales", eine Suite aus acht kleinen Walzern.

"Darüber hinaus habe ich Stücke eingespielt, die genauso großartig und schön und kraftvoll sind - nur eben weniger bekannt", so de la Salle.

Überall auf der Welt wurde und wird getanzt. Vielleicht mit denselben Gefühlen, aber auf ganz unterschiedliche Weise. Während man sich in den USA und Südamerika im Jazz und Swing und Tango schon relativ frei gehen lassen konnte, sei Tanzmusik in Frankreich nahezu zeitgleich noch viel zurückhaltender, elaborierter und feinsinniger gewesen, glaubt die Pianistin.

Tänze auch aus Osteuropa

Im letzten Teil der Platte: die Rumänischen Volkstänze des ungarischen Komponisten Béla Bartók. Der hatte sich 1905, mit damals 24, aufgemacht, die Bauernmusik seiner Heimat zu erforschen. Zu der Zeit gehörten zum Königreich Ungarn auch Landstriche im heutigen Rumänien. Außerdem finden sich auf dem Album drei ausdrucksstarke Tänze der russischen Komponisten Strawinsky, Skrjabin und Rachmaninow.

Jazz ist nicht gleich Klassik

Die musikalische Reise um die Welt war für Lise de la Salle nicht ganz ohne Herausforderungen. Denn, so erklärt sie, seien klassische Komponisten nicht automatisch in der Lage, auch Jazz spielen zu können und umgekehrt.

"Für mich war das ein großer Schritt, vor allem weil ich wollte, dass es 'richtig' klingt. Nicht nach einer klassischen Musikerin, die nun auch mal Jazz ausprobiert.“

Nicht nur die Spieltechnik sei anders, auch die Harmonien seien nicht dieselben. Auf dem Klavier müsse man in beiden Genres die Hände auf ganz unterschiedliche Weise positionieren.

Ein Album, das Laune macht

"Die Automatismen, an die ich seit über 20 Jahren gewöhnt bin, funktionieren nicht im Jazz. Dieses Umdenken war tatsächlich die größte Herausforderung für mich“, sagt Lise de la Salle.

Die Pianistin hat die Aufgabe gemeistert. Und ihr ist ein Album gelungen, das Laune macht.

Antje Bonhage, rbbKultur