Haydn: Solitude Piano Works II – mit Markus Becker; Montage: rbbKultur
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Album der Woche | 19.07. - 25.07.2021 - Markus Becker: "Solitude. Haydn Piano Works II"

Der Pianist Markus Becker hat den zweiten Teil seiner Aufnahme der Klavierwerke Haydns vorgelegt. Darauf zu hören sind zwei Sonaten und zwei Variationswerke.

"Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen und so musste ich original werden." (Joseph Haydn)

Haydns Äußerung bezieht sich auf seine Lebenssituation am Hof Esterházy. Fast dreißig Jahre verbrachte er dort als Kapellmeister in ländlicher Abgeschiedenheit, weit weg vom gesellschaftlichen Trubel im klatschsüchtigen Wien. Unzufrieden war Haydn damit nicht. "Solitude" – Einsamkeit – heißt das neue Album des Pianisten Markus Becker.

Stücke mit ruhigem Charakter

Markus Becker: "Haydn ist nicht ein reisender Virtuose gewesen in erster Linie, sondern war so an seinem Platz. Er ist nach innen gegangen – andere bohren nach zehn Minuten in der Nase, wenn sie irgendwo herumsitzen und bei manchen geht dann erst was auf und ich glaube, zu denen gehörte er."

Die Programmauswahl stand erst kurz vor der Aufnahme fest. Nach "Haydn Piano Works I" mit sehr kontrastreichen Werken ist "Piano Works II" ein Konzeptalbum geworden, das durchweg einen ruhigen Charakter beibehält.

"Es gibt immer wieder so kleine Ausflüge, wo man denkt, was ist denn jetzt mit dem los? Das sind innere Regungen, das sind seismographische Wahrnehmungen, die sich nach außen übertragen. Das finde ich ganz wunderbar."

Das Spektakuläre im Unspektakulären

Tieftraurig oder gar depressiv wird man bei dieser Musik aber auf gar keinen Fall. Es geht Markus Becker um die Nuancen. Traurigkeit und Melancholie ebenso wie Witz und feiner Humor, der bei Haydn immer wieder aufblitzt. Das Spektakuläre im Unspektakulären möchte Markus Becker aufspüren. Denn Haydn, so formuliert es der Pianist, kann traurig schreiben und dem Zuhörer plötzlich zublinzeln und ein Auge zudrücken.

Die überraschenden und nicht vorhersehbaren Wendungen begeistern den Pianisten immer wieder. Wenn beispielsweise Haydn am Ende des Andante con variazioni regelrecht die Sau raus lässt und den Interpreten in wilden Sequenzen über die Tasten jagt.

Es sind diese Momente, die Joseph Haydns Klaviermusik so besonders machen. Und das Vorurteil, Haydn sei stinklangweilig, kann Markus Becker nun wirklich nicht bestätigen:

"Wenn man Haydn im Notentext bewältigt hat, dann fängt die Arbeit erst an und dann wird es interessant – und daher kommt vielleicht dieses Klischees, weil man es oft hört von Leuten, die es gut meinen, die musikalisch und von ihrer Interpretationsidee vielleicht noch gar nicht so weit sind."

Corona-Hintergrund?

Beim Stichwort Einsamkeit ist man natürlich auch mitten in der Corona-Gegenwart. Wie geht es da dem Pianisten Markus Becker?

"Ich bin gesegnet mit einer wunderbaren Familie, einer lieben Frau und drei Kindern. Wir wohnen so schön, dass wir die Möglichkeit haben, jeden Tag mit dem Hund in den Wald zu gehen. Nur, ich weiß von vielen, die einsam sind und Einsamkeit ist ja auch relativ. Unsere gemeinsamen Kontakte fehlen uns im Moment. Es ist schon bitter, vor allen Dingen, weil es kein Ende nimmt."

Barbara Overbeck, rbbKultur