Nikolai Kapustin: Blueprint © Capriccio
Bild: Capriccio

"Best of 22": Album der Woche | 01.08. - 07.08.2022 - Nikolai Kapustin – "Blueprint. Klaviermusik für Jazz Trio"

Virtuos, rhythmisch vertrackt und eigenwillig: Die Jazzkompositionen von Nikolai Kapustin sprechen eine eigene Klangsprache. Der Pianist Frank Dupree hat von diesem "russischen Gershwin" jetzt eine große Auswahl seiner Klavierstücke zusammen mit dem Bassisten Jakob Krupp und dem Drummer Obi Jenne neu eingespielt – als Jazz Trio.

Wenn wir diese Stücke im Jazz Trio spielen, finde ich, kommt die Musik irgendwie klarer heraus. Weil man durch den Beat, durch den Groove vom Schlagzeug und vom Bass weiß, wo man ist. Weil man weiß, wo man auf 2 und 4 schnipsen müsste.

Frank Dupree

Insgesamt 23 Klavierstücke von Nikolai Kapustin hat Dupree gemeinsam mit dem Bassisten Jakob Krupp und Schlagzeuger Obi Jenne auf "Blueprint" neu eingespielt. Die Auswahl reicht von Kapustins frühen Klavierstücken über die bekannteren Konzertetüden und Jazzpréludes bis zu den späten Paraphrasen über Jazzstandards.

Für Frank Dupree war es wichtig, die vielen verschiedenen Jazzstile zu zeigen, die Kapustin in diesen Werken verarbeitet hat: "Man könnte sagen, Kapustin hat den Jazz abgepaust. Und wir sind diejenigen, die aus der Blaupause, was ja Blueprint übersetzt heißt, etwas kreieren und etwas aufbauen."

Vielschichtige Arrangements

In ihren Arrangements haben die drei Musiker den Klavierpart genauso übernommen, wie ihn Kapustin komponiert hat. Während der Schlagzeuger Obi Jenne frei improvisiert, haben Frank Dupree und Bassist Jakob Krupp die Bassstimme Schritt für Schritt erarbeitet.

"Der Bass muss natürlich extrem nah am Notentext des Klaviers bleiben. Die Harmonien müssen stimmen, die Akzente, die Unisono-Stellen müssen einfach wirklich exakt sein. Trotzdem hat der Kontrabass aber in gewisser Weise einen Freiraum. Wenn man dann zum Beispiel einen Swing spielt, kann der Kontrabass frei Übergänge machen oder auch mal ein paar Füllnoten spielen, dass es wirklich dann auch nach Jazz klingt."

Frank Dupree, Pianist © Raphael Steckelbach
Frank Dupree | Bild: Raphael Steckelbach

Große Bandbreite an Jazzreferenzen

Von Swing über Cool Jazz bis zu Boogie Woogie – von Herbie Hancock über Oscar Peterson zu Chick Korea: es ist eine imposante Bandbreite an Stilen und Referenzen, die das Frank Dupree Trio in ihren jazzigen Arrangements herausgearbeitet hat. Dabei war es für die drei Musiker manchmal nicht leicht, herauszufinden, welchen Jazzstil Nikolai Kapustin selbst in seinen Stücken vorgesehen hatte – zum Beispiel beim Jazz-Prélude Nr. 1.

"Da spielt die rechte Hand wirklich extreme und wirklich wahnsinnig schnelle 16tel Läufe. Und auch die linke Hand ist wahnsinnig, das ist teilweise schon fast Free Jazz. Und in den Noten steht Presto, ganz klassisch. Und da war klar, das ist BeBop – also wirklich eine der schnellsten Jazzformen, die sich in den 50er und 60er Jahren entwickelt hatte."

Rund und groovig

Frank Dupree wirft sich die fast schon irrwitzig virtuosen Läufe technisch brillant mit Jakob Krupp und Obi Jenne zu. Aber auch in den Balladen überzeugt das Trio mit einem zurückgenommenen, fast schon flächigen Sound a la Bill Evans. "Blueprint" ist ein äußerst facettenreiches Album, auf dem das Trio nicht nur die enorme Vielschichtigkeit von Kapustins Musik aufschlüsselt, sondern die komplexen Klavierstücke als Jazztrio auch runder und grooviger erklingen lässt. Und am Schluss des Albums hat Frank Dupree sogar noch eine kleine Überraschung parat.

"Ja da haben wir gedacht, komm, da machen wir noch einen kleinen Witz zum Schluss mit den Bongos eben. Ich kann's immer nicht lassen, wenn wir im Jazz Trio spielen, auch selber ein bisschen zu trommeln. Und deshalb musste hier dieses Bongo-Solo mit drauf!"

Beate Stender, rbbKultur