Notos Quartett: Paris Bar © Sony Classical
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Album der Woche | 04.04. - 10.04.2022 - Notos Quartett: "Paris Bar"

Das Paris der 1920er Jahre war Sehnsuchtsort und Treffpunkt einer ganzen Generation von Musikern, Künstlern und Intellektuellen. Man kam in Bars und Cafés zusammen und inspirierte sich gegenseitig. Diese "wilden Jahre", die "années folles", waren nicht zuletzt eine Reaktion auf die Grauen des Ersten Weltkriegs. Auch die Komponisten Jean Françaix aus Frankreich, Alexandre Tansman aus Polen und László Lajtha aus Ungarn lebten zu der Zeit in Paris. Unter dem Titel "Paris Bar" hat das Notos Quartett Werke dieser drei Komponisten auf einem Album zusammengefasst.

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Fast 100 Jahre alt ist das Klavierquartett von László Lajtha. Jetzt wurde es erstmals eingespielt - vom Notos Quartett aus Berlin, einem der ganz wenigen Klavierquartette in fester Formation. Das Ensemble ist auf Raritäten spezialisiert, immer wieder hält es Ausschau nach Neuentdeckungen.

László Lajtha: einer "großer Ungar"

László Lajtha ist ein heute fast vergessener Komponist. Sehr zu Unrecht, denn zusammen mit Béla Bártok und Zoltán Kodály galt er in der französischen Musikszene als einer der „trois grands hongrois“, der drei großen Ungarn.

Aufgrund seiner Engen Beziehungen, die Lajtha zu westlichen Ländern pflegte, sei er vom ungarischen Regime unterdrückt worden, erzählt Philip Graham, der Cellist im Notos Quartett.

"Lajtha war außerdem im Ersten Weltkrieg an der Front. Er hat den Krieg also aus der Nähe miterlebt", so der Cellist weiter. Diese Kriegserfahrungen höre man in seiner Musik.

Ein musikalischer Galeriebesuch

Verschiedenartige Gemälde hatten die Vier von Notos beim Einspielen vor Lajthas Klavierquartett im Sinn. Impressionistisches, leicht verschwommen Wirkendes sei darunter, so Philip Graham: "Aber auch durchaus Heftiges."

Zum Beispiel groß angelegte Melodiezüge mit schweren, komplexen Akkorden im Klavier, die dem Werk etwas Bombastisches verleihen. An solchen Stellen könne man sich ein Kriegsgemälde vorstellen, findet Graham. Bilder von Leid, Gewalt und Tod. Zwischendurch gebe es jedoch immer wieder kleine Lichtblicke: impressionistisch hingetupfte Hoffnungsschimmer.

Ein munterer, virtuoser Tanz auf einem Seil: das Divertissement von Jean Françaix

Heiter, unterhaltsam geht es im – ebenfalls selten gespielten – Divertissement des Franzosen Jean Françaix zu. Ein Komponist, der seinen Humor auch in seine Musik hat einfließen lassen. Lebhaft transportiert das Divertissement die Stimmung der wilden Pariser Jahre, voller Einfallsreichtum, aber auch Melancholie. Vor allem im letzten Satz hat sich das Notos Quartett beim Spielen einen Seiltanz vorgestellt:

"Extrem virtuos, immer wieder mit witzigem Charme“, sagt Philip Graham. "Aber auch technisch hochanspruchsvoll.“

Das Werk zu spielen habe großen Spaß gemacht.

Viel Abwechslung bei Alexandre Tansman

Die Spielfreude nimmt man dem Notos Quartett gern ab, nicht zuletzt im Suite-Divertissement von Alexandre Tansman. Das Werk besteht aus mehreren kurzen Sätze, von dem jeder ein eigenes Charakterstück ist. Die sind jedoch nicht bloß aneinandergereiht, sondern das Suite-Divertissement hat eine Gesamtdramaturgie.

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Eine Musik über das Leben in den Pariser Bars

So lässt der erste Satz, ein Marsch, an Menschen denken, die durch die Stadt ziehen, gewissermaßen einfallen in die Cafés und Bars von Paris. Die Menschen sind ausgelassen und tanzen. Zu hören ist dies beispielsweise in einem der folgenden Sätze, der Polka.

Die Barbesucher verlieben sich (Mélodie) oder werden von Heimweh oder unheilvollen Erinnerungen heimgesucht (Largo).

Ein Album als Zeitzeugnis – mit neuer Aktualität

Das Album "Paris Bar" wird so zu einem Zeitzeugnis. Das selten gespielte Programm macht es zu einer durchaus mutigen CD – die durch die in Musik gefasste Präsenz des Krieges gerade jetzt nochmal an ganz neuer Aktualität gewinnt.

Für Philip Graham vom Notos Quartett zeige das Album das Lebensgefühl der wilden 20er Jahre auf: "Diese beiden Pole von Ausgelassenheit und Charmant-Witzigem einerseits und der Tragik des Krieges andererseits und das dadurch geprägte Bewusstsein, dass alles jederzeit wieder vorbei sein kann - dass aber am Ende trotzdem immer ein Hoffnungsschimmer bleibt.“

Antje Bonhage, rbbKultur