Orkester Nord: Mozart - Grétry - 1773 © Aparté
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Album der Woche | 12.09. - 18.09.2022 - Orkester Nord: "Mozart - Grétry - 1773"

Das Orkester Nord aus Norwegen gibt es erst seit vier Jahren, doch es hat nun bereits sein drittes Album veröffentlicht. Nach zwei CDs mit Ausgrabungen stehen diesmal Werke von Wolfgang Amadeus Mozart im Mittelpunkt. Martin Wåhlberg, Dirigent und Spiritus Rektor des Orchesters, hat ihnen Musik von André Ernest Modest Grétry gegenübergestellt. Mit der fulminanten Aufnahme versucht Wåhlberg den vermuteten starken Einfluss der französischen Opéra-comique auf Mozart zu illustrieren.

Martin Wåhlberg ist von drei Kulturen geprägt. Von der schwedischen seiner Eltern, von der norwegischen seiner Heimat und von der französischen seines Studienlandes. Er wurde zugleich als Cellist ausgebildet und schlug eine akademische Laufbahn ein, auf der er es mit 42 Jahren inzwischen zum ordentlichen Professor für Vergleichende Literaturwissenschaften in Trondheim gebracht hat.

Martin Wåhlberg, Cellist u. Dirigent © Ole Morten Melgård
Martin Wåhlberg | Bild: Ole Morten Melgård

Großprojekte

Im Jahr 2010 gründete er mit einem befreundeten Lautenisten das Alte-Musik-Ensemble Trondheim Barokk sowie bald danach ein jährliches Festival gleichen Namens. Um Verwechslungen zu vermeiden und um den zunehmend größeren Umfang der Konzertprojekte zu illustrieren, benannte man die Gruppe vor vier Jahren in Orkester Nord um. Es setzt sich aus über 30 Musikerinnen und Musikern zusammen, die aus vielen Ländern stammen, zumeist jedoch in Norwegen leben. Wåhlberg selbst tritt zwar weiterhin als Cellist und Gambist auf, vor allem wirkt er jedoch als Dirigent und künstlerischer Leiter des Orchesters.

Forschungsergebnisse

Seine Professur erlaubt es ihm, sich lange und intensiv mit den Werken zu beschäftigen, die er aufführen möchte. In seinen Forschungen an der Universität beschäftigt er sich am liebsten mit dem Verhältnis von Literatur und Musik im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Und die Erkenntnisse, die er dabei gewinnt, schlagen sich in Ensembleprojekten nieder. Seit einiger Zeit befasst er sich intensiv mit der französischen Variante des Singspiels, mit der Opéra-comique, in der gesprochene Dialoge mit Opernarien verbunden sind.

Einfluss

Während die Wiederentdeckung von Opéras-comique heutzutage kaum eine Rolle spielt, waren sie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ganz Europa populär. Zahlreiche französische Theatertruppen reisten durch die Lande und stellten diese Art von Bühnenwerken vor. Martin Wåhlberg ist überzeugt, dass sie dadurch einen großen Einfluss auch auf die Musikszene außerhalb Frankreichs ausgeübt haben. Wolfgang Amadeus Mozart hat sich Berichten zufolge intensiv mit dem Genre befasst, wobei er es hinsichtlich seiner dramatischen Wirkung der italienischen Opera buffa vorgezogen haben soll.

1773

Mit 17 Jahren schrieb Mozart seine "kleine" c-Moll-Sinfonie, und Martin Wåhlberg sieht diese als eine Art Wendepunkt. Sie ist für ihn die erste Sinfonie, die dieselbe Kraft und ähnliche Emotionen ausstrahlt wie das spätere romantische Sinfonie-Repertoire. Ihre besonders dramatischen und theatralischen Effekte erinnern ihn an die Opéra-comique. Im Grunde sei das Theatermusik, sagt er. Daher bildet diese Sinfonie das Kernstück des Albums, das den Titel "1773" trägt. Ebenfalls in jenem Jahr ist die Oper "Céphale et Procris" von André Ernest Modeste Grétry entstanden.

Grétry

Der in Lüttich geborene und in Paris zu Ruhm gekommene Grétry war der wichtigste Komponist von Opéras-comique. Da das neue Album des Orkestra Nord jedoch rein instrumental konzipiert war, hat Martin Wåhlberg anstelle von Opéra-comique-Ausschnitten Ballettsätze aus der Antikenoper "Céphale et Procris" eingespielt. In dem dramatischen Werk tötet Kephalos auf der Jagd versehentlich seine im Gebüsch verborgene Gattin. Die Tänze sollen mit ihrem leidenschaftlichen Gestus einen generellen Eindruck von Grétrys Musiksprache liefern.

Thamos

In den Jahren ab 1773 arbeitete Mozart auch an der Bühnenmusik, die das neue Album des Orkester Nord komplettiert. Zum Schauspiel "Thamos, König in Ägypten" hat Mozart vor allem vier Zwischenaktmusiken beigetragen. Zusammengenommen wirken sie wie eine kleine Sinfonie, zumal wenn sie mit so großer Intensität interpretiert werden wie es hier der Fall ist.

Spannend

Von den ersten Takten des Albums an rüttelt Martin Wåhlbergs Interpretationsansatz den Hörer auf. Zupackend, rau und fast aggressiv klingt das Orkester Nord. Der Dirigent orientiert sich dabei an Berichten aus dem 18. Jahrhundert, nach denen die neue Musik die Leute oft verblüfft und sogar schockiert habe. "Wir müssen die emotionale Kraft der Musik von damals wiederherstellen", fordert er. Dabei geht für ihn die Energie und Leidenschaft beim Musizieren sowie das Ausreizen der Möglichkeiten der historischen Instrumente über einen zu einhundert Prozent sauberen Klang.

Klangvielfalt

Wåhlberg hat sich auch von der Überzeugung leiten lassen, dass es im 18. Jahrhundert große interpretatorische und improvisatorische Freiheiten gab. In unterschiedlichen Ländern klangen die Orchester viel verschiedener als dies heutzutage bei herkömmlichen Sinfonieorchestern meist der Fall ist. Deshalb ist nur in den beiden Werken von Mozart ein Hammerklavier zu hören, welches im damaligen Paris nicht Teil der Orchester war. Und indem bis zu vier Fagotte eingesetzt werden, klingt die Bassstimme immer wieder ein wenig anders.

Es ist ungemein aufregend, die hier und generell bis ins Extreme ausgereizten Klangmöglichkeiten zu erleben. Eine nette Prise Musik fürs entspannte Nebenbei-Hören ist das Album des Orkester Nord nicht!

Rainer Baumgärtner, rbbKultur