Quartetto Bernardini: Around Mozart; Montage: rbbKultur
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Album der Woche | 03.05. - 09.05.2021 - Quartetto Bernardini: "Around Mozart"

Der renommierte Barockoboist Alfredo Bernardini hat sich einen Lebenstraum erfüllt. Mit seinem neu gegründeten Quartetto Bernardini präsentiert er eine kleine akustische Geschichte des Oboenquartetts – sechs Werke, aufgenommen mit fünf historischen Oboen.

Der gebürtige Römer Bernardini, er feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag, ist einer der führenden Oboensolisten der Alte-Musik-Szene. Er wirkte lange bei bekannten Ensembles beispielsweise von Jordi Savall oder Ton Koopman mit, bevor er seine eigene Bläserformation Zefiro gründete. Vor drei Jahren hat er das Quartetto Bernardini initiiert, um sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen zu können: Kammermusik des späten 18. Jahrhunderts mit seinem Instrument an der Spitze.

Traumbesetzung

Er habe das Projekt aber erst in Angriff genommen, sagt der in Salzburg lebende Musiker, als er seine "Traumbesetzung" haben konnte: neben der Rostocker Bratschistin Simone Jandl und dem Amsterdamer Cellisten Marcus van den Munckhof besteht sie aus dessen Partnerin, der Geigerin Cecilia Bernardini. Sie ist die Tochter des Oboisten, die beim Studium in England den Weg zur Alten Musik fand, ganz ohne väterliches Zutun.

Kurze Blüte

Quartette für ein Holzblasinstrument und Streichtrio sind aus der barocken Triosonate entstanden. Einige Jahrzehnte lang waren sie die populärste Form von Kammermusik mit Oboe oder Flöte, bevor sie im frühen 19. Jahrhundert wieder aus der Mode kamen. Die Oboe wurde in jener Epoche zunehmend nur als Orchesterinstrument gesehen und kaum mehr mit Soloaufgaben betraut.

Einzelstücke

Umso mehr bedeutet Alfredo Bernardini das Oboenquartett-Repertoire – und dieses ist nicht zu knapp bemessen, denn es haben sich Hunderte derartiger Kompositionen erhalten. Bei seinem Überblick auf dem Album "Around Mozart" liefert das Ensemble ganz frühe und ganz späte Beispiele, wobei sich Bernardini bewusst auf Einzelstücke beschränkt hat, anstatt Ausschnitte aus Notensammlungen aufzunehmen.

Herausforderung

Der Primus inter pares des Quartetts hat sich dabei einer besonderen Herausforderung gestellt. Er nutzt fünf verschiedene historische Instrumente, Teile seiner Sammlung alter Oboen, die er im Laufe der Jahre aufgebaut hat. Denn Bernardini führt alte Werke nicht nur auf und gibt sein Wissen über die historische Aufführungspraxis als Professor weiter, sondern er erforscht diese auch und verfasst wissenschaftliche Artikel.

Empfindliche Geräte

Im Gegensatz zu vielen Streichinstrumenten stehen Holzblasinstrumente nicht im Ruf, mit der Zeit immer besser zu klingen. Das macht das Spiel auf Jahrhunderte alten Gerätschaften zu einer diffizilen Angelegenheit – zumal wenn die Oboen aus dem kapriziösen Buchsbaumholz geschnitzt sind, das sich leicht verzieht. Um die Aufnahme der CD innerhalb von vier Tagen zu bewerkstelligen, war daher eine lange Vorbereitungszeit vonnöten. Jedes der verwendeten Instrumente besitzt ein unterschiedliches System, mit dem das Schilfrohr befestigt wird, das den Ton erzeugt, und der Solist baute Hunderte von Rohren, bis er auf optimale Lösungen kam.

Experimente

Er habe viel herumexperimentiert, sagt Bernardini, um das Beste aus seinen Oboen herauszuholen, jede sollte charaktervoll und individuell klingen. Schon durch ihre differierenden Stimmhöhen heben sie sich dabei voneinander ab. Auch bei den Streichinstrumenten versuchte man die musikalischen Entwicklungen in der Zeit um 1800 nachzuvollziehen. Je nach Komposition wandten die drei Musikerinnen und Musiker etwa verschiedene Spieltechniken an und setzten unterschiedliche Bögen ein.

Instruktiv

Die sorgfältige und umfassende Vorbereitung hat sich gelohnt. "Around Mozart" ist eine instruktive klangliche Anthologie des Genres Oboenquartett geworden. Man hört den Beteiligten die Leidenschaft an, mit der sie sich den Werken gewidmet haben. "Es war eine sehr schöne Erfahrung, sehr schöne Reise durch die Zeit," sagt Alfredo Bernardini. Und so lässt das Album trotz der gleichbleidenden Besetzung gut nachvollziehen, wie sich die Kammermusik mit Oboe nach 1770 entwickelt hat.

Ins Rampenlicht

Und die "Reise durch das goldene Zeitalter des Oboenquartetts", wie der Untertitel des Albums lautet, ermöglicht es auch, Komponisten kennenzulernen, die heutzutage kaum mehr im Rampenlicht stehen. Denn um "unser Hauptstück im Repertoire", wie Alfredo Bernardini Mozarts einziges Oboenquartett nennt, herum lassen sich unbekannte Werke entdecken. Darunter sind Quartette von dem in Paris wirkenden Böhmen Charles Bochsa, vom Dresdner Justus Johann Friedrich Dotzauer und vom Mailänder Alessandro Rolla.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur