Røta © Berlin Classics
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Album der Woche | 08.02. - 14.02.2021 - Ragnhild Hemsing: "Røta"

Wie klingt eigentlich meine Heimat? Was bin ich und mein Instrument, wenn ich an "Zuhause" denke? Wo sind meine musikalischen Wurzeln? Was verbindet mich mit meiner Region, mit der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin – mit den Klängen, die mich seit meiner Kindheit umgeben? Das fragt sich die junge Geigerin Ragnhild Hemsing auf ihrem neuen Album "Røta".

Das Wort "Røta" gibt, wenn man an die englische Sprache denkt, schon einen ersten Hinweis: "Roots". Und tatsächlich heißt das norwegische "Røta": "Wurzeln". Und so begibt sich Ragnhild Hemsing – zusammen ihren deutschen Kammermusikpartnern, dem Cellisten Benedict Kloeckner und dem Pianisten Mario Häring – in die Klangwelt ihrer inneren und äußeren musikalischen Heimat hinein.

Hemsing stammt aus der Region Valdres in Südnorwegen. Man geht auf der Landkarte Norwegens in die ziemlich exakte Mitte von Oslo und Bergen, fährt mit dem Finger ein wenig hoch – und landet in Valdres. Sanfte Hügel, hübsche Fjorde, ländliches Leben, glückliche Menschen.

Die Hardangerfiedel

In dieser Region ist die Hardangerfiedel ein beliebtes Volksinstrument. Eine Hardangerfiedel klingt zunächst wie eine "normale" Geige, doch die expressiven geometrischen Muster erzählen von einer jeweils individuellen geigenbauerischen Herkunft. In der Region Valdres hat jeder Geigenbauer seine ganz eigene Art der Farb- und Formgebung.

Und unter den vier normalen Seiten, die allerdings zünftiger, leidenschaftlich ruppiger und ohne Vibrato gespielt werden als bei einer domestizierten Violine, befinden sich fünf weitere Saiten: in der Stimmung der ersten Klänge von Edvard Griegs "Morgenstemning", der "Morgenstimmung" aus der ersten Peer-Gynt-Suite. Diese fünf Extra-Saiten werden nicht vom Bogen berührt, sondern schwingen beim Spiel der oberen Saiten lediglich mit. Das Ganze klingt ein wenig "nach Drehleier". Immer schwingt etwas mit, als brächte die Hardangerfiedel ihren eigenen Hall, ihren eigenen Bordun mit; wie bei anderen Volksinstrumenten gibt es sozusagen "liegende" Töne, die immer da sind.

Volks- oder Kunstmusik?

Hemsing spielt auf ihrem Album fast ausschließlich Komponisten ihrer Heimat. Johan Halvorsens beliebte Passacaglia nach Georg Friedrich Händel hören wir in einer Transkription für Hardangerfiedel und Violoncello. Das klingt reichhaltiger, blitzender, aufregender… Und natürlich darf der erwähnte berühmteste Komponist Norwegens nicht fehlen: Edvard Grieg.

Hemsing selbst berichtet: "Grieg ging damals fürs Kompositionsstudium nach Leipzig. Natürlich war er sehr beeinflusst von seinem Lehrer Carl Reinecke. In der Region Telemark traf sein Kollege und Freund Johan Halvorsen einen Volksmusik-Fiedler. Halvorsen notierte die Melodien – und schickte sie Grieg. Der war hocherfreut und baute diese Melodien nach seinem Gusto in seine Stücke ein."

So hören wir Grieg, Halvorsen, authentische Volksmusik aus der Region Valdres, in der Hemsing – mit Unterbrechung für ihr Violin-Studium in Wien – bis heute (wieder) lebt. Hinzu kommen Kompositionen von Ole Bull und Johan Svendsen.

Transkriptionen, Originalkompositionen – und Volksmusik. Eine abwechslungsreich und emotional zu hörende Mischung. Die große abendländische Trennung von Volks- und Kunstmusik erscheint angenehm aufgehoben. Folklore oder komponiertes Stück: Hauptsache Zuhause!

Arno Lücker, rbbKultur