Raphaela Gromes: Imagination © Sony Classical
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Album der Woche | 11.10. - 17.10.2021 - Raphaela Gromes: "Imagination"

Als sie vor neun Jahren beim Richard-Strauss-Wettbewerb zum ersten Mal miteinander musizierten, hat es musikalisch gefunkt: es war ein Gleichklang in der Auffassung der Werke, eine wortlose Verständigung über die Musik. Seither musizieren die Cellistin Raphaela Gromes und der Pianist Julian Riem im Duo. Beide lieben es, in Archiven und Bibliotheken zu recherchieren, um neue Werke zu entdecken. Beide proben sie akribisch, um dann im Konzert sehr frei spielen zu können. Nun ist Raphaela Gromes‘ sechstes Album erschienen, wieder in einer Zusammenarbeit mit Julian Riem.

"Das war ein Spaziergang letztes Frühjahr. Da war ich draußen. Es gibt ja manchmal in der Abenddämmerung so ein ganz magisches Licht. Wenn dann die Blumen so eine Art Heiligenschein bekommen. Und dann war ich noch an einem Weiher, wo sich so das Abendlicht gespiegelt hat, und ich kam mir plötzlich vor wie in einem Märchen.

Ich habe mir gedacht, das ist doch jetzt hier, als würden gleich die Elfen anfangen, zu tanzen.“

Verzauberte Naturstimmung

Diese verzauberte Naturstimmung war es, die Raphaela Gromes zur Idee ihrer neuen CD anregte. Die geheimnisvolle Abendstimmung mit ihren Lichtreflexen rief sofort den Klang von David Poppers "Elfentanz" für Cello und Klavier in ihr wach.

"Das ist ein Virtuosenstück, das irgendwie jeder Cellist mal im Laufe seines Studiums üben muss. Das ist normal ein fürchterlich mühsames, schwieriges Stück, aber ich hab den Elfentanz plötzlich so leicht und schwirrend und fliegend im Kopf gehört, dass ich gedacht habe: Aha, so gehört der eigentlich.“

Flirrend leicht schwebt das Stück in ihrer Aufnahme tatsächlich dahin. Ebenso leichtfüßig klingt auch Liszts "Gnomenreigen" in einem Arrangement für Klavier und Cello von Julian Riem.

Raphaela Gromes © Georg Thum/Wildundleise/Sony Music
Bild: Georg Thum/Wildundleise/Sony Music

Märchenentdeckungen

Die Idee, ein Album zum Thema Fantasie zu machen, trug die beiden Musiker über die Zeit der Corona-Lockdowns. Sie begannen, zu recherchieren und Stücke zu sammeln, die um Märchengestalten und Legenden kreisen: Musik, die unmittelbar auch die bildliche Vorstellungskraft anregt. Bei einigen Stücken lag die Auswahl auf der Hand, weil sie auf einem Märchen basieren, wie etwa der Walzer aus Tschaikowskys Ballett "Dornröschen" oder der berühmte "Hummelflug" aus Rimsky-Korsakovs Oper "Das Märchen vom Zaren Saltan".

Andere der insgesamt 19 Piècen auf der CD entdeckten Raphaela Gromes und Julian Riehm im Laufe indem sie sich durch ganze Berge von Noten arbeiteten. So stießen sie etwa auf den amerikanischen Pianisten und Komponisten Edward MacDowell oder die Komponistin Margarethe Schweikert, die mit einer Bearbeitung ihres Liedes "Märchenstunde" auf der CD vertreten ist. Auch der spätromantische Komponist Paul Juon zählt zu den Neuentdeckungen.

"Das war ein wirklich schöner Fund für uns. Das ist ein Schweizer Komponist mit russischen Wurzeln. Er hat ein Märchen für Cello und Klavier original geschrieben. Das war für uns natürlich klar, das passt perfekt zu diesem Programm.“

Julian Riem © Georg Thum/Wildundleise/Sony Music
Bild: Georg Thum/Wildundleise/Sony Music

Originelle Bearbeitungen

Schnell wurde Raphaela Gromes und Julian Riem klar, dass ihre Wunschauswahl der Stücke über den Rahmen eines Duos hinausdrängte und nach einer größeren Vielfalt der Klangfarben verlangte. So entstand die Idee, noch weitere Musiker:innen einzuladen. Die höchst originellen Bearbeitungen der Stücke stammen alle aus der Feder von Julian Riem. Debussys "Cathédrale engloutie", die "versunkene Kathedrale" aus seinen Préludes für Klavier, beginnt durch die Klangmischung mit einem Saxophonquartett noch geheimnisvoller zu glitzern.

Dem "Abendsegen" aus Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" verleihen die Musiker:innen des Arcis Saxophon Quartet eine sakrale Feierlichkeit, dem Unwesen der kinderfressenden Hexe "Baba Yaga" in Anatol Ljadows sinfonischer Dichtung aber einen grell gespenstischen Klang.

Ein Lieblingsstück von Raphaela Gromes ist das dritte Stück aus Schumanns Märchenerzählungen op. 132, in dem das Duo mit dem Geiger Daniel Dodds zusammenspielt:

"Einerseits liebe ich die Sprache von Schumann eh, diese sehr poetische, intime Sprache. Aber ich finde auch, dass gerade in dieser Märchenerzählung Geige und Cello so in einen innigen Dialog miteinander treten und irgendwann verschmelzen, das ist wirklich einzigartig. Und wie sich diese Melodie aus dieser kleinen Keimzelle immer wieder entwickelt und aufschwingt und einen im Innersten berührt, das ist jedes Mal für mich wirklich etwas Besonderes auch zu spielen. Das ist eine der Aufnahmen, die haben wir im Studio zwanzig Mal gespielt, einfach immer nur gespielt, keine kleinen Ausschnitte aufgenommen, sondern wir sind wirklich durch das Spielen so in den Flow gekommen, dass wir so richtig in der Musik versunken sind, was in so einer Aufnahmesituation doch etwas sehr Spezielles ist.“

Zauberklänge der Harfe

Weitere Gäste auf dieser CD sind der Geiger Daniel Dodds, die Cellistin Angela Chang und die Harfenistin Anaïs Gaudemard.

"Und dann dachten wir, wenn wir schon einen Gast haben, warum nicht noch eine Harfe mit draufnehmen? Weil Harfe ist doch eigentlich das magischste aller Instrumente. Ich hatte irgendwie sofort bei diesem Thema Fantasie eine Harfe im Kopf und diesen Harfenklang. Wenn eine Harfe ein Arpeggio macht, ist das wie eine Verwandlung, wie wenn jemand den Zauberstab hebt und die Szenerie verwandelt.“

Eine solche Zaubergeste leitet das "Lied an den Mond" der Nixe Rusalka aus Janaceks gleichnamiger Oper ein.

Julia Ruth Spinola, rbbKultur