Sophie Dervaux: Impressions; Montage: rbbKultur
Berlin Classics
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Album der Woche | 05.07. - 11.07.2021 - Sophie Dervaux: "Impressions"

Nicht einmal ein Viertel aller Fagottstellen in deutschen Berufsorchestern sind weiblich besetzt. Ohnehin sind Frauen in Spitzenorchestern bisher stark unterrepräsentiert. Die junge Französin Sophie Dervaux bestätigt als Ausnahme die Regel: Sie ist Solo-Fagottistin der Wiener Philharmoniker. Zuvor war sie Stipendiatin der Karajan-Akademie in Berlin, anschließend zwei Jahre lang Solo-Kontrafagottistin der Berliner Philharmoniker. Im April hat sie ihr Debütalbum vorgelegt.

Mit einem Ruf wie von weit her beginnt die Fagott-Sonate von Charles Koechlin, komponiert vor etwa hundert Jahren. Sie gehört zum relativ kleinen Repertoire für das Fagott als Solo-Instrument. Sophie Dervaux schätzt die Art, in der Koechlin für das Fagott schreibt. Als Theorektiker und Autor von Büchern über Orchestrierung merke man ihm an, wie gut er die einzelnen Instrumente kannte, findet sie. So auch das Fagott.

Musikalischer Impressionismus

Koechlins Gesamtwerk lässt sich kaum auf einen charakteristischen Stil festlegen. In der Fagott-Sonate überwiegen impressionistische Merkmale, wie zum Beispiel die Darstellung von Stimmungen einzelner Augenblicke - wobei die jeweiligen Stimmungsbilder fließend ineinander übergehen. Ein bisschen erinnert Koechlin hier an Claude Debussy, der ebenfalls auf dem Album vertreten ist. Unter anderem mit "Clair de Lune" ("Mondschein") aus der "Suite bergamasque", von Debussy ursprünglich als Klaviersuite komponiert. Sophie Dervaux hat ein Arrangement für Klavier und Fagott daraus gemacht.

In "Clair de Lune" müsse sie auf ihrem Instrument besonders hohe Töne entlocken, erzählt die Fagottistin: "Das geht schonmal an die Grenzen. Aber ich finde, dass das Werk auch für Fagott gut funktioniert."

Von Koechlin über Debussy bis hin zu Ravel

Debussy ist nicht der einige Impressionist auf Dervaux‘ Album. Maurice Ravel hört man beispielsweise mit seiner "Pièce en forme d’habanera". Ein Werk, das Sophie Dervaux häufig bei Solo-Auftritten spielt. Ihr gefalle die musikalische Farbe und die Zartheit des Stücks.

"Ravel hat in der Orchesterliteratur große Soli für Fagott geschrieben“, sagt Sophie Dervaux. Die "Habanera" in das Album zu integrieren, sei da quasi "logisch".

Parallelen zur Malerei

Logisch ist denn auch der Titel des Albums: "Impressions". Ob englisch oder französisch - Sophie Dervaux hat sich bei der Aussprache nicht festgelegt. Doch sehe sie in der Musik Parallelen zur Malerei der französischen Impressionisten.

Doch auch in andere Hinsicht geht es um Impressionen: Das Album bietet Eindrücke des Fagotts. Der vielfältigen, ganz unterschiedlichen Facetten des Instruments. Der Name kommt aus dem Italienischen: "Fagotto" - "Bündel".

Es sei faszinierend, was man mit einem Stück Holz, so einem "Bündel", machen kann, sagt Sophie Dervaux. Zudem sei es für sie wie ihre Stimme: "Ich vermittle meine Musik durch dieses Instrument."

Musik pur

Das Lieblingsstück der jungen Fagottistin ist die Sonate für Fagott und Klavier von Camille Saint-Saëns. Dervaux hat es gleich an den Anfang des Albums gestellt:

"Die Sonate ist das letzte Opus von Saint-Saëns, und es ist eine Musik, die fasziniert.“, sagt die Musikerin. Zum Teil könne man nicht sagen, ob die Musik glücklich oder traurig klinge. Es sei einfach: pure Musik.

Das Album endet mit einem Höhepunkt: den "Interférences" für Fagott und Klavier von Roger Boutry. Der vor zwei Jahren verstorbene Franzose hat das Werk im Jahr 1972 geschrieben. Hier zeigt Sophie Dervaux einmal mehr ihr Können – und: in welche Klangwelten das Fagott außerdem entführen kann.

Facettenreichtum des Fagotts

Insgesamt ist der jungen Musikerin ein Album gelungen, das Freude macht: Weil man bekannte Werke mit neuen Klängen hört und einige unbekanntere Werke entdeckt – vor allem aber, weil man eine Ahnung vom erstaunlichen Facettenreichtum des Instruments Fagott bekommt. Sophie Dervaux macht deutlich, wie gesanglich ihr Instrument ist:

"Es kann sehr weich sein, es kann berühren". So können sein Ton, seine Farben und seine Flexibilität "direkt zu unserem Herzen sprechen."

Antje Bonhage, rbbKultur