Talich Quartet: Dvořák © La Dolce Volta
La Dolce Volta
Bild: La Dolce Volta

Album der Woche | 23.01. - 29.01.2023 - Talich Quartet: "Dvořák"

Fast 60 Jahre besteht das Talich Quartet aus Prag bereits – wenn auch nicht in der aktuellen Besetzung. Gegründet wurde es 1964 von dem tschechischen Geiger Jan Talich, fortgeführt wird es von dessen Sohn, der denselben Namen trägt. Bei unseren Nachbarn, beispielsweise in Frankreich, gilt das Quartett als Institution. Hierzulande ist es weniger bekannt: sehr zu Unrecht allerdings. Kürzlich hat das Ensemble ein neues Album herausgebracht, mit lauter Werken von Dvořák. Mit dem Programm war es kürzlich auch in Berlin zu Gast.

 

Der erste der acht Walzer wirkt zunächst wie ein ganz gewöhnlicher Walzer im typischen Dreivierteltakt. Wenn man aber genauer hinhört, steckt das Stück voller Melancholie.

Talich Quartet © Radek Kalhous
Bild: Radek Kalhous

Ursprünglich für Klavier

Antonin Dvořák hat seine acht Walzer ursprünglich für Klavier geschrieben. Um 1880 war das, noch vor seinem Aufbruch nach Amerika, in die "Neue Welt". Diese kleinen, zum Teil fast ein wenig volkstümlich anmutenden Charakterstückchen fanden beim Publikum so viel Anklang, dass Dvořák selbst zwei von ihnen - den ersten und den vierten Walzer – für Streichquartett umarbeitete.

"Eine Art Gelegenheitsmusik", nennt Radim Sedmidubský, der Bratscher im Talich Quartet, die Walzer. Zugleich aber sei "jedes einzelne Stück ein kleines Juwel".

Und Jan Talich, der Sohn des Quartettgründers und heute der erste Geiger im Quartett gesteht, dass er die sechs restlichen, bislang nur in Klavierfassung vorliegenden Walzer, bis vor kurzem kaum kannte - bis ein ehemaliges Mitglied des Ensembles sie eigens für das Talich Quartet arrangierte.

Besonders schön: der Walzer Nr. 2

Die acht Walzer von Dvořák in der Fassung für Streichquartett sind somit eine Ersteinspielung. Die Musiker mögen sie alle – den Walzer mit der Nummer 2 aber vielleicht am allermeisten. Er sei musikalisch besonders interessant, findet Jan Talich. Und er habe von den acht Stücken den stärksten Charakter.

"Mit unseren Streichinstrumenten können wir seine Eigenheit besonders hervorheben", so der Geiger.

Nostalgisch - und heiter

Und der Bratscher ergänzt: "Der Walzer ist in Moll gehalten. So liegt eine schöne kleine Nostalgie in der Musik.“

Nostalgie liegt auch im siebten der acht Walzer. Aber nicht ohne, dass es zwischendurch nicht immer wieder heiter und ausgelassen würde.

Neben den Walzern außerdem auf dem Album: ein einzelner Satz eines Quartetts, das Dvořák fast zeitgleich zu den Walzern begonnen hat. Warum Dvořák das Werk dann liegenließ, darüber wird nur spekuliert. Es habe dem Stück an Spannung gefehlt. Oder: die Tonart F-Dur sei damals nicht zeitgemäß gewesen. So lauten mögliche Gründe.

Böhmische Klänge im "American Quartet"

1893, 13 Jahre später, komponierte Dvořák dann doch ein komplettes Streichquartett in F-Dur. Es ist sein 12. Streichquartett mit dem Beinamen "Das Amerikanische". Ein Beispiel für die Dvořák eigene Verschmelzung böhmischer Tradition mit amerikanischen Einflüssen.

Als er das "Amerikanische Quartett" schrieb, hatte er gerade seine Sinfonie "Aus der Neuen Welt" beendet. Er wollte dem hektischen New Yorker Leben entkommen und fand Zuflucht in der ruhigen Kleinstadt Spillville in Iowa, im mittleren Westen der USA. Antonin Dvořák verbrachte dort den Sommer – und fühlte sich glücklich. Umgeben auch von tschechischen Landsleuten, komponierte er das Quartett innerhalb von 14 Tagen.

Ein Dvořák mit vielen Facetten

Pure Begeisterung könne man in dem Werk hören, findet Radim Sedmidubský. Der Komponist habe das Quartett mit Laien gespielt, darunter dem Pfarrer und dem Arzt. In sein Tagebuch habe Dvořák notiert, dass dabei zwar die eine oder andere Note ausgelassen wurde – aber was soll’s.

So zeigt das Album einen facettenreichen Dvořák. Einen tänzerisch heiteren und einen tiefgründig sentimentalen – einen unvollendeten und einen schaffensfrohen - einen weltoffenen und einen heimatverbundenen. Und Dvořáks tschechische Landsleute im Talich Quartet bringen diese Facetten auf ihrem neuen Album einfühlend und unterhaltsam zu Gehör.

Antje Bonhage, rbbKultur