The Twiolins: Eight Seasons Evolution; Montage: rbbKultur
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Album der Woche | 12.07. - 18.07.2021 - The Twiolins: "Eight Seasons Evolution"

Das Mannheimer Geschwisterpaar der "Twiolins" sorgt seit über zehn Jahren als Ausrichter eines internationalen Kompositionswettbewerbs für Aufsehen. Damit wollen Marie-Luise und Christoph Dingler das schmale Repertoire für ihre Besetzung des Violinduos erweitern. Nach drei Alben mit zeitgenössischen Werken haben sie nun jedoch erstmals eine CD mit Bearbeitungen herausgebracht. Und ihre Kombination von Werken Vivaldis und Piazzollas sorgt für erhellende Hörerlebnisse.

Das ganze Projekt begann damit, dass Christoph Dingler nach einem Zugabenstück suchte und dafür einen Satz aus dem "Sommer" von Antonio Vivaldis Zyklus "Die vier Jahreszeiten" arrangierte.

"Und irgendwie hat es super funktioniert. Es klang gut und hat Spaß gemacht zu spielen. Und dann hat es gar nicht lang gedauert, da war der ganze Zyklus fertig," erklärt der Arrangeur der Twiolins.

Lieblingskomponist Piazzolla

Schon bei der Arbeit an den Vivaldi-Konzerten dachte er an eine Kombination mit seinem "zweiten Lieblingskomponisten", den argentinischen Tangokönig Astor Piazzolla. Mit dessen Musik sind die Dinglers schon seit Kindheit vertraut.

Das Album "Hommage à Piazzolla" von Gidon Kremer wurde damals "in unserem Haushalt rauf und runter gespielt, das haben wir gehört, bis die CD kaputt war," erklärt Marie-Luise Dingler lachend.

Neuer Ansatz

Kremer hat damals auch eine CD mit dem Titel "Eight Seasons" veröffentlicht, auf der er die Jahreszeiten-Zyklen von Vivaldi und Piazzolla kombinierte. Christoph Dingler interessierte diese Verbindung allerdings nicht, zumal er Piazzollas "Estaciones Porteñas" für schwer adaptierbar hält. Zudem hätten die langen Sätze dieses Werkes seine eigene Programmidee zunichte gemacht. Denn er hat nun jeden einzelnen Satz der Concerti des Venezianers mit einem Tango Piazzollas verknüpft.

Deshalb haben die Twiolins ihr neues Album "Eight Seasons Evolution" überschrieben.

Fließende Übergänge

Nach Ansicht von Christoph Dingler harmonieren die Tangos gut mit Vivaldi, "weil entweder gleiche musikalische Elemente verwendet werden, seien es rhythmische Strukturen oder gleiche Melodielinien, oder weil sie vom Effekt oder Gefühl genau zwischen die Vivaldi-Sätze passen."

In der Tat sind die fließenden und harmonischen Übergänge zwischen den Stücken frappierend. Zugleich sprengen sie die Hörerwartungen und sie sorgen für Abwechslung. Insbesondere beugen die eingestreuten unterschiedlichen Tangos der größten Gefahr vor: dass der Klang der auf zwei Instrumente reduzierten Vivaldi-Konzerte eintönig wirkt.

The Twiolins; © Robert Just
Bild: Robert Just

Sprengen der Genregrenzen

An ein paar Stellen, insbesondere in langsamen Sätzen, erkennt man die Bearbeitungen überhaupt nicht mehr als Kompositionen von Vivaldi. Dies ist ganz im Sinne der Twiolins. Christoph Dingler:

"Ich genieße die Übergänge sehr und dann kommt hoffentlich der Moment, wo das Publikum im Konzert gar nicht mehr weiß, ob sie jetzt gerade Piazzolla oder Vivaldi hören und wo sich dann alles anfängt zu vermischen und wo alle auch ihre Genregrenzen im Kopf loslassen und einfach nur der Musik folgen."

Bratsche statt Geige

The Twiolins haben mit ihrem vierten Album nicht nur hinsichtlich des Repertoires Neuland betreten. Sie haben bei den meisten Stücken der Aufnahme auch ihren Ensemblenamen ad absurdum geführt. Aus "two violins" ist "one violin and one viola" geworden, denn Christoph Dingler spielt zumeist die Bratsche. Diese Evolution wurde durch die Werkauswahl unvermeidbar. Denn sowohl die Melodie- als auch die Begleitstimme in der gleichen hohen Tonlage zu arrangieren, hätte klanglich keinen Sinn ergeben. Mithilfe der tieferen Viola erweiterte sich der Tonraum erheblich - und auch der Wechsel von höher und tiefer gesetzten Stücken hat beim Hören des Albums einen angenehmen Effekt.

Langer Vorlauf

Das Herantasten an die Viola und das Entwickeln von Spieltechniken, um vor allem die Piazzolla-Stücke adäquat interpretieren zu können, machte einen langen Vorlauf nötig. Danach mussten die neuen Arrangements in Konzerten und Probeaufnahmen überprüft werden. Und nach langem Üben hörten die Geschwister schließlich auch jeden einzelnen Take bei der Aufnahme gewissenhaft nach seiner Tauglichkeit ab. Deshalb brauchten sie auch drei Monate, um das Album in ihrem eigenen kleinen Studio aufzunehmen.

"Wenn wir das in einem angemieteten Studio gemacht hätten, wäre das Projekt unbezahlbar geworden," meint Marie-Luise Dingler.

Naturnähe

Die Jahreszeiten spiegeln den dauernden Wandel der Natur wider, und die Geschwister Dingler betonen im Gespräch ihre Liebe zur Natur. Da lag es nahe, für die Fotos im Booklet nach draußen zu gehen. Auf dem Weg zu einem Konzert machten die Twiolins deshalb einen Abstecher, um sich vor der grandiosen Naturkulisse der Sächsischen Schweiz fotografieren zu lassen.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur