Metamorphosen Berlin: Very British; Montage: rbbKultur
SONY Classical
Bild: SONY Classical

Album der Woche | 23.08. - 29.08.2021 - "Very British"

Die musikalische Vielfalt Großbritanniens – eingespielt vom Ensemble Metamorphosen Berlin unter der Leitung von Wolfgang Emanuel Schmidt. Aber: Wie klingt Großbritannien? Die Antwort ist nicht leicht. Oder vielleicht ist sie es doch.

Für die Kammerphilharmonie Metamorphosen Berlin, die der Cellist Wolfgang Emanuel Schmidt und seine Frau, die Geigerin Indira Koch, vor elf Jahren gegründet haben, bedeutet "Very British" musikalisch: ganz unterschiedliche Facetten. Schwelgerisch, leidenschaftlich, romantisch bei Edward Elgar. Scharfkantig bei Benjamin Britten. Renaissance-inspiriert bei Peter Warlock.

Bilder einer Ausstellung

23 musikalische Sätze, 23 kleine Stücke sind auf dem Album versammelt. "Deshalb wollten wir so etwas wie 'Bilder einer Ausstellung' gestalten.", sagt Wolfgang Emanuel Schmidt, der Leiter der Kammerphilharmonie Metamorphosen Berlin. Einen "Galeriebesuch in 23 Bildern".

Die ersten drei "Bilder" am Anfang der "Ausstellung" stammen aus der Serenade für Streicher in e-Moll von Edward Elgar. Er schrieb das Werk 1892, im Alter von 35 Jahren. "Kleine Melodien" nannte er die drei Sätze, die in ihrer Urfassung noch "Frühlingslied", "Elegie" und "Finale" hießen.

Ein digitales Konzert

Nicht nur mit einem Galeriebesuch vergleicht Wolfgang Emanuel Schmidt das Album. Es ist für ihn zugleich ein "digitales Konzert". So entspricht die Serenade auf dem Album einem Eröffnungsstück, der Ouvertüre dieses digitalen Konzerts.

Das "Solistenwerk", wie Schmidt es nennt, im Hauptblock des "Konzerts" stammt ebenfalls von Elgar: Neun Stücke für Cello und Streicher. In der Originalfassung zum Teil für Violine, zum Teil für Klavier geschrieben. Wolfgang Emanuel Schmidt selbst hat die neun Stücke für Cello arrangiert – und spielt in der Aufnahme als Solist.

Elgars Charakterstücke: Erzählungen in drei Minuten

Neun kleine Charakterstücke sind es, unterschiedlicher Ausprägung und Couleur. Von der sich dramatisch entwickelnden "Romance", über die Liebeslieder "Salut d'amour" und "Mot d'amour" bis hin zur virtuosen, eigensinnigen "Capricieuse". Für Wolfgang Emanuel Schmidt besteht die Herausforderung als Interpret darin, innerhalb von drei Minuten eine ganze Geschichte zu erzählen. Jedes einzelne Stück verhalte sich wie ein Leben, mit einer eigenständigen Entwicklung, sagt der Cellist.

Wolfgang Emanuel Schmidt, Cellist; © www.wolfgangemanuelschmidt.com
Bild: www.wolfgangemanuelschmidt.com

Brittens Simple Symphony: alles andere als simpel

Lebendig bleibt es im übermütigen Hoftanz, der "Boisterous Bourrée" in Benjamin Brittens Simple Symphony. Der Titel verweist auf den Spaß an der Alliteration, ist ein Spiel mit dem gleichen Anlaut zweier aufeinanderfolgender Wörter. Simpel im Sinne von technisch einfach ist die Simple Symphony hingegen nicht, am wenigsten der zweite Satz, das "Playful Pizzicato". Der sei technisch höchst anspruchsvoll, außerordentlich rasant und virtuos, sagt Wolfgang Emanuel Schmidt. Er sei daher froh, scherzt er, dass er die Simple Symphony lediglich dirigieren und nicht selber spielen müsse.

Warlocks Capriol Suite als Finale

Das Finale des "digitalen Konzerts" ist die Capriol Suite von Peter Warlock aus dem Jahr 1926. Der britische Komponist, der vier Jahre später mit nur 36 Jahren starb, hatte für diese Suite sechs Tänze aus dem 16. Jahrhundert verarbeitet. Daher der Charakter wie aus der Renaissance.


"Das ist in keiner Weise einfach ein Wiederholen alter Melodien" , erläutert Schmidt. Vielmehr sei es eine Erweiterung der Tradition – mit großartigen Harmonien, vor allem in den langsamen Sätzen.

Die Zugabe: Jenkins Palladio

Das letzte Bild der Galerie ist so etwas wie die Zugabe in dem virtuellen Konzert. "Palladio" des walisischen Komponisten Karl Jenkins. Namensgeber für diese musikalische Miniatur ist der Architekt Andrea Palladio. Dessen Villen in Vicenza und deren harmonischen Proportionen sollen Jenkins inspiriert haben. Wolfgang Emanuel Schmidt gesteht, bei dem Stück weniger an Architektur als an eine bekannt gewordene Werbung zu denken, die dem Stück zum "Evergreen" verholfen habe.

Auf jeden Fall aber ist "Palladio" der geeignete "Rausschmeißer" in diesem facettenreichen, "very britischen" Streicher-Programm. Für den Dirigenten Schmidt hat jedes der Werke seinen eigenen Charme. "Very British" beschreibe einen Charakter, sagt er:

"Es bezeichnet ein Lebensgefühl. Und ich glaube, dass dessen Eleganz und Stil immer durchflackert durch die Stücke."

Antje Bonhage, rbbKultur