Xavier de Maistre: Christmas Harp; Montage: rbbKultur
Sony Classical
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Album der Woche | 06.12. - 12.12.2021 - Xavier de Maistre: "Christmas Harp"

Gerade einmal vier bis sieben Saiten hatten die ersten Harfen vor etwa 5.000 Jahren – heute hat eine Konzertharfe fast 50 Saiten. Die Harfe und ihre Saiten in ihrer ganzen Farb- und Klangvielfalt zu präsentieren, hat sich der französische Harfenist Xavier de Maistre zur Aufgabe gemacht. Zur Weihnachtszeit hat er ein Album herausgebracht, das vor allem den himmlischen Klang der Harfe feiert. Aufgenommen hat er das Album bei uns im rbb, im Haus des Rundfunks.

 

Bekanntes gleich zu Beginn, aber in ungewöhnlichem Arrangement: Der "Blumenwalzer" aus Peter Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Bearbeitet für die Harfe, was naheliegt, denn schon im Original spielt die Harfe im "Blumenwalzer" eine prominente Rolle – mit einer Harfenkadenz gleich zu Beginn.

Für Xavier de Maistre ein regelrechtes Bravourstück. In dem Arrangement müsse die Harfe mit sämtlichen Klangfarben ein ganzes Orchester ersetzen, erklärt der Harfenist. Das sei eine Herausforderung, die ihm jedoch sehr am Herzen liege: "Denn es ist mir immer ein Anliegen, die ganze Klangpalette der Harfe zu zeigen."

Das "Ave Maria" – abwechslungsreich auf der Harfe gesungen

Ein weiterer Klassiker: Franz Schuberts "Ave Maria". 1825 auf der Grundlage eines der meistgesprochenen Gebete der katholischen Kirche komponiert, gehört es heute zu den beliebtesten Weihnachtsliedern. Auf dem Album ist es in einem Arrangement des walisischen Harfenisten John Thomas zu hören. Die Melodie habe er "wunderschön verarbeitet", schwärmt de Maistre. Jede Strophe habe er anders aufgebaut.

"In der letzten Strophe sind diese großen, für die Harfe typischen Arpeggiandi, während die Melodie in der Basslinie geführt wird", erklärt der Harfenist.

Eine Seltenheit: Hasselmans' Weihnachtserzählung

Neben den Klassikern befinden sich auch Raritäten auf dem Album. Beispielsweise das "Conte de Noël", die Weihnachtserzählung von Alphonse Hasselmans, dem französischen Komponisten und Harfenisten belgischer Herkunft. Er unterrichtete am Pariser Konservatorium, aus dem mehrere berühmte Harfenisten hervorgingen.

"Dieses 'Conte de Noel' ist sehr nostalgisch, sehr innig – perfekt für die Harfe", findet Xavier de Maistre.

Der Harfenist ist eigentlich selbst eine Rarität. Mit neun Jahren himmelte er seine Musiklehrerin an, die Harfe spielte – das Instrument gefiel ihm deshalb auch. Bestimmt wäre er kein Musiker geworden, hätte er sie nicht kennengelernt, ist er heute überzeugt.

Xavier de Maistre; © Sony/Gregor Hohenberg
Xavier de Maistre |Bild: Sony/Gregor Hohenberg

Ruderer in der Nationalmannschaft und Politikstudent

Zusätzlich zur Musik ruderte Xavier de Maistre – in der französischen Nationalmannschaft. Als Jugendlicher habe er sechsmal pro Woche trainiert, zusätzlich zum Harfenspiel. Hinzu kam der Schulunterricht. Im Nachhinein wundert sich de Maistre manchmal, wie das überhaupt möglich war.

Nach dem Baccalauréat, dem französischen Abitur, studierte er Politikwissenschaften und Jura in Paris, begann noch ein Wirtschaftsstudium in London. Immer zusätzlich zur Musik. Irgendwann musste de Maistre sich entscheiden: Es wurde die Harfe. Nicht zuletzt, weil der weltberühmte Harfenist Nicanor Zabaleta ihm eindringlich zuredete. Gute Anwälte gebe es Tausende auf der Welt, aber einen guten Harfenisten wie ihn, Xavier de Maistre, gebe es nur einmal.

"Und weil es von Nicanor Zabaleta kam, der wirklich der große Harfenist des 20. Jahrhunderts war, hat das für mich eine besondere Bedeutung gehabt. Ich bin froh, dass ich diesen Weg gewählt habe.", sagt Xavier de Maistre heute.

Ein Anwalt der Harfe

Deutsch lernte Xavier de Maistre in München. Dort wurde er mit 22 Jahren Solo-Harfenist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Er wechselte später zu den Wiener Philharmonikern, bevor er schließlich den Schritt in die Freiberuflichkeit, als Solo-Harfenist wagte.

Mittlerweile ist Xavier de Maistre ein bedeutender Anwalt seines Instruments, der unermüdlich gegen die Klischees der Harfe antritt und deren breite Klangpalette und musikalische Vielfalt vor Ohren führt. Jetzt, auf diesem Weihnachtsalbum, darf die Harfe aber einfach auch mal ihrem Ruf gerecht werden: ein himmlisches Engelsinstrument zu sein.

Antje Bonhage, rbbKultur