Plattenteller mit Tonabnehmer; © imago-images

Fünfmal drei - Alben – Best of 2019

Auch das Jahr 2019 war wieder prall gefüllt mit hervorragenden Einspielungen in den verschiedenen Bereichen der Klassik. Drei CDs werden unseren Rezensenten dabei besonders gut in Erinnerung bleiben.

Top 3 von Bernhard Schrammek

Leipziger Disputation © Carus
Carus

Calmus und amarcord erstmals vereint - "Leipziger Disputation"

Vor 500 Jahren, im Sommer 1519, fand die "Leipziger Disputation" zwischen Martin Luther und Johannes Eck statt. Anlässlich dieses Ereignisses führten die Thomaner damals eine feierliche zwölfstimmige Messe auf, bei der es sich vermutlich um Antoine Brumels Missa "Et ecce terrae motus" handelte. Die preisgekrönten Leipziger Vokalensembles amarcord und Calmus stellen dieses grandiose Musikspektakel zum Jubiläum nach.

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Jupiter Ensemble: Vivaldi; Montage: rbb
Alpha

Aufregender Vivaldi-Sound als Debüt - Jupiter | Vivaldi

Erst vor einem Jahr hat Thomas Dunford das Ensemble Jupiter begründet. Die Mitglieder dieser Truppe sind handverlesen und repräsentieren eindrucksvoll eine bestens ausgebildete, junge und kreative Musikergeneration. Auf ihrem Vivaldi-Album knistert es vor Spannung. In den Instrumentalkonzerten und Arien ist dank des engagierten Musizierens die ganze Bandbreite der barocken Affekte zu vernehmen.

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Top 3 von Julia Spinola

Weinberg Sinfonien Nr. 2 und 21 © Deutsche Grammophon
Deutsche Grammophon

Herausragender Weinberg - Weinberg Sinfonien Nr. 2 und 21 "Kaddish"

Die Musik des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg ist bei uns erst in den letzten zehn Jahren allmählich etwas bekannter geworden. Aus den CDs, die nun im Jahr seines 100. Geburtstags erschienen sind, ragt die Aufnahme mit der jungen lettischen Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla heraus. Zusammen mit dem Birmingham Symphony Orchestra, dem Geiger Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica interpretiert sie Weinbergs 2. Symphonie aus dem Jahr 1946 und seine letzte vollendete Symphonie, die den Opfern des Warschauer Gettos gewidmete "Kaddisch"-Symphonie von 1991.

Weinbergs Musik entfaltet sich mit großem Atem. Jede Phrase wird sprechend ausgestaltet. In der "Kaddisch"-Symphonie gelingt eine perfekte Balance zwischen den fein modellierten Details und der Form des Ganzen, die immer wieder von langen solistischen Episoden aufgebrochen wird. Im Schlusssatz kann man Mirga Grazinyte-Tyla sogar als Sängerin einer zarten Sopranvokalise erleben.

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CD Cover: GUSTAV MAHLER - SYMPHONIE NR. 1 D-DUR
BR Klassik

Jansons' Präsenz - Gustav Mahler: "Symphonie Nr. 1 D-Dur"

Es ist die Verbindung von Schärfe im Detail und einer ungeheuren Dramatik, die an den Interpretationen des Dirigenten Mariss Jansons immer wieder besticht, der am 30.11. 2019 gestorben ist. Jansons war ein großer Dramatiker, der die Formidee der Mahler-Symphonie sehr konsequent aufbaut. Die Musik gewinnt eine fast schon szenische Präsenz. Als akribischer Probenarbeiter hat er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu einem Spitzenorchester geformt. Es spielt in dieser Aufnahme hyperpräzise, präsent und intensiv, wie auf der Stuhlkante.

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Dina Ugorskaja: Franz Schubert © BR Klassik
BR Klassik

Ugorskajas Vermächtnis - Dina Ugorskaja: "Franz Schubert"

Die Pianistin Dina Ugorskaja starb im September mit erst 46 Jahren. Die besondere Künstlerin besaß eine herausragende Technik und Kraft, die sie jedoch uneitel in den Dienst ihres sehr persönlichen Ausdrucks stellte. Ihr CD mit späten Werken von Franz Schubert erschien posthum. Ugorskaja spielt so schonungslos ehrlich, schmucklos, konzentriert und direkt, dass einem der Atem stockt.

Wenn man weiß, dass sie kurz darauf ihrer schweren Krankheit erlegen ist, dann kann man gar nicht anders, als ihre eigene Lebenssituation mitzudenken, etwa wenn man hört, mit welcher bodenlosen Trauer sie den zweiten Satz der B-Dur-Sonate interpretiert.

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Top 3 von Kai Luehrs-Kaiser

Ombra mai fu © Erato
Erato

Ohrwürmer vom Monteverdi-Schüler - "Ombra mai fu"

Mit "Ombra mai fu" hat sich Philippe Jaroussky zum 20-jährigen Berufsjubiläum seine wenn nicht beste, so doch bislang wichtigste CD zum Geschenk gemacht. Es handelt sich um das erste bedeutende Recital mit Arien des größten Monteverdi-Schülers: Francesco Cavalli. Für Jaroussky ist er der Erfinder des Ohrwurms. Tatsächlich hatte Cavalli den titelgebenden Hit schon lange vor Händel verkomponiert.

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Rudolf Firkušný: The Complete RCA and Columbia Collection
Sony

Box mit historischen Aufnahmen - Rudolf Firkušný: The Complete RCA and Columbia Collection

Den vor 25 Jahren gestorbenen, tschechischen Klavier-Großmeister Rudolf Firkušný ehrt die Sony mit dessen gesammelten amerikanischen Aufnahmen, entstanden von 1949 bis 1993 (auf 18 CDs). Firkušný war der beste Interpret Janáčeks, Dvořáks und Martinůs. Deren Klaviermusik ist denn auch seit seinem Tod einigermaßen verwaist. Hier ist sie wieder.

Bewertung:
Franz Lehár: "Die lustige Witwe"
Oehms Classics

Heiteres aus Frankfurt - Franz Lehár: "Die lustige Witwe"

Auch bei Lehárs "Lustiger Witwe" hatte sich lange nichts getan (die wichtigsten Aufnahmen stammen noch immer von Elisabeth Schwarzkopf und Cheryl Studer). Da kommt das Frankfurter CD-Debüt der Dirigentin Joana Mallwitz gerade recht. Punktgenauigkeit und dionysischer Schwung sind hier die schönste denkbare Verbindung eingegangen. Genau richtig zum bevorstehenden 150. Geburtstag des Komponisten im nächsten Jahr.

Bewertung:
Kai Luehrs-Kaiser; Foto: rbb / Oliver Ziebe

3 CDs - Best of 2019 von Kai Luehrs-Kaiser

Top 3 von Hans Ackermann

Max Reger: Piano Concerto - Live Recording
Avi

Mit virtuoser Leichtigkeit - Max Reger: Klavierkonzert

Der in Hannover lehrende Professor für Klavier Markus Becker hat sich für dieses Album eines der schwersten Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts ausgewählt. Den "Berg von Klängen"  aber bewältigt er mit virtuoser Leichtigkeit. Bei der Zugabe, den "Episoden op. 115", klingt Reger dann beinahe wie im Jazzclub – wo Markus Becker ebenso zuhause ist.

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Freimaurermusik © Berlin Classics
Berlin Classics

Lieder der Freimaurer - "Freimaurermusik"

Ein musikalisches Logentreffen – mit Eröffnungsgesängen, Lob- und Wiegenliedern und der bei Freimaurern so beliebten "Ode an die Freude". Im Mittelpunkt steht der Dresdener Komponist und Freimaurer Johann Gottlieb Nauman, dessen Lieder hier im "Chor der Brüder" aber auch als Sologesänge zu hören sind. Mit seinem "Schlusslied" ist auch der berühmteste Freimaurer unter den Komponisten vertreten: Wolfgang Amadeus Mozart.

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Hans Ackermann; Foto: Carsten Kampf
Carsten Kampf

3 CDs - Best of 2019 von Hans Ackermann

Top 3 von Matthias Käther

Jacques Offenbach: Six Fables del la Fontaine /Ouverüren /Arien © alpha classics
alpha classics

Der richtige Ton - Jacques Offenbach: Six Fables del la Fontaine /Ouverüren /Arien

Der Dirigent Jean-Pierre Haeck hat für diese Aufnahme erstmals eine Orchesterfassung der sechs frühen Klavierlieder besorgt. Die sind apart, doch die eigentliche Überraschung ist der halbstündige Bonus. Mezzosopranistin Karine Deshayes schmettert zwei hinreißende Operetten-Couplets, die Lust auf mehr machen. Und das gewitzte Orchester der Oper Rouen findet genau den richtigen Offenbach-Ton in den Ouvertüren.

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Antonio Salieri: La Fiera di Venezia © Deutsche Harmonia Mundi
Deutsche Harmonia Mundi

Liebevoll umgesetzt - Antonio Salieri: "La Fiera di Venezia"

Die spätbarocke Version von "Eine Nacht von Venedig"! Mehrere Paare in amourösen Verstrickungen in der Lagunenstadt. Der erste Opern-Welterfolg von Antonio Salieri beeindruckte den jungen Mozart gehörig und liegt nun erstmals in einer großartig musizierten Gesamtaufnahme unter der Leitung von Werner Erhardt vor. Liebevoll umgesetzt mit enthusiastischen Sängern.

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Edith Mathis live beim Lucerne Festival; Montage: rbbKultur
Audite

Große Entdeckung - Edith Mathis: Liederabend in Luzern, 3.9.1975

Die lyrische Sopranistin war sicher eine ausgezeichnete Opernsängerin, doch hier in der kleinen, intimen Form läuft sie zu ihrer Hochform auf. Ob Mozart, Schumann oder Strauss – Textverständlichkeit und unmanierierter Gesang machen die kristallklare Archivaufnahme des Schweizer Rundfunks zu einer der großen Entdeckungen des Jahres. Außerdem begleitet einer der ganz großen Lied-Pianisten des 20. Jahrhunderts: Karl Engel.

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