Andreas Staier: Beethoven – Ein neuer Weg © harmonia mundi
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CD DER WOCHE | 02.06. – 07.06.2020 - Andreas Staier: "Beethoven – Ein neuer Weg"

"Ein neuer Weg", so heißt die bemerkenswerte Beethoven-CD, die der Hammerklavier-Spezialist Andreas Staier eingespielt hat. Auf einem alten Instrument, einem Hammerklavier. Das unterscheidet sich im Klang vom modernen Konzertflügel - sowohl in den Bässen als auch in den Höhen.

Unkonventionelle Anfänge

Die G-Dur-Sonate, die erste der drei Sonaten aus Beethovens Opus 31, beginnt mit einer Wendung, die das Ende eines Satzes suggeriert. Doch nach wenigen Takten merken wir: es passiert etwas Überraschendes, etwas Neues. Nichts ist zu Ende, im Gegenteil: wir sind am Beginn.

Auch in den beiden folgenden Klaviersonaten experimentiert Beethoven mit Hörgewohnheiten und Erwartungen. Zu Beginn der dritten der drei Sonaten zum Beispiel, in Es-Dur, könnte man meinen, man betrete einen Raum, während gerade jemand Klavier spielt, und man hätte den Anfang verpasst. So jedenfalls klingt es bei dem Pianisten Andreas Staier.

"Erst im weiteren Verlauf des Zuhörens wird klar: Nein, das ist wirklich der Anfang, der Anfang, der so tut, als ob er schon mittendrin ist. Es wird immer wieder von Beethoven vorher, nachher hinterfragt", sagt Andreas Staier.

Auch in der d-Moll-Sonate, der so genannten Sturm-Sonate, hinterfragt Beethoven Herkömmliches in der Musik. Für Andreas Staier fängt das Stück "mit einem mysteriösen Akkord an, der dem Hörer zunächst vermittelt: Was wir jetzt hören, ist eine langsame Einleitung vor dem ersten Allegro der Sonate." Tatsächlich folgt das Allegro.

"Doch in dem Moment, wo man denkt, jetzt seien wir beim ersten Thema, sind wir in Wirklichkeit schon in der Überleitung zum zweiten Thema des Sonatensatzes."

Parodie und doppelter Boden

Beethoven treibt das Spiel mit den Hör-Erwartungen noch weiter: Indem er Bekanntes oder musikalische Moden auf die Schippe nimmt und parodiert. Im zweiten Satz der G-Dur-Sonate beispielsweise persifliert Beethoven den damals sehr beliebten italienische Opernstil - mit Belcanto und Koloraturen.

"Das ist die Parodie einer durchgeknallten Sopranistin, die solche schnellen Verzierungen zu machen imstande ist, dass einem schier Hören und Sehen vergeht", erzählt Andreas Staier. Beethoven überfrachte die schöne Melodie bewusst mit Or-namenten, die die vergleichsweise naive Melodie regelrecht überladen.

"Da ist ganz bestimmt ein doppelter Boden drin in diesem langsamen Satz."

Musik über Musik

Musik denkt nach – über Musik. So auch in den Sechs Variationen, die in dem Album auf die drei Sonaten folgen. Beethoven lässt das schlichte Thema verschiedene Tempi und Tonarten durchleben. Er probiert aus und zeigt, was alles in den Motiven steckt und was musikalisch möglich ist. Solche Variationen gab es bis dahin nicht. Beethoven beschreitet mit seinen Experimenten wirklich "neue Wege".

Technische Herausforderungen für den Interpreten

Die Eroica-Variationen sind das letzte Werk auf dem Album. Im Adagio muss der Pianist viele rasend schnelle Noten spielen, und dabei gleichzeitig einen Gestus des Erhabenen hinbekommen. Und im Finale geht es schließlich darum, das noch einmal auftauchende Thema als Zitat, als eine Art Erinnerung zu spielen.

"Wie kann ich das darstellen, dass es nicht mehr "eigentlich" ist, sondern uneigentlich? Wie spiele ich ein Thema in der Rückschau?"

Diese und ähnliche Fragen stellte sich Andreas Staier als Interpret.

Musik, die berührt

Er hat die Herausforderungen gemeistert und viele der Nuancen erfasst, auf die es ankommt. Es ist ihm gelungen, Beethoven so zu spielen, dass die Musik ein Nachdenken ist über Musik – aber gleichzeitig eine Musik, die berührt.

Antje Bonhage, rbbKultur