Camerata Alma Viva: B-Side © NoMadMusic 2019
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CD DER WOCHE | 28.10. – 03.11.2019 - Camerata Alma Viva: B-Side

Viel Mozart und ein bisschen Händel, Kabalewskij und Monti: Werke von diesen vier sehr unterschiedlichen Komponisten auf einer CD. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein wildes Potpourri. Ein junges Streichorchester aus Genf, die Camerata Alma Viva, hat mit seinem Album "B-Side" eine hörenswerte CD gemacht.

Die CD beginnt schnell, sehr schnell. Mit Mozarts Divertimento in D-Dur. Überbordend, heiter, als würde jemand Luftsprünge machen vor lauter Freude und Glück. Der zweite Satz hingegen ist voller Fragen, Sehnsucht und Traurigkeit. Der Wechsel der Gefühle: Mozart pur.

Der Komponist war erst 16 Jahre alt, als er dieses und die beiden folgenden Divertimenti schrieb. Alle drei hat die Camerata Alma Viva auf dem Album eingespielt. Die Divertimenti gehören von Anfang an zu ihrem Repertoire.

"Die Stücke sind für uns eine Art Spielwiese", sagt die französische Geigerin Charlotte Maclet. Sie hat das Streichensemble vor zehn Jahren in Genf gegründet.

Spielerisch die Welt entdecken

"Wir spielen Musik, im wahren Sinn des Worts. Divertimento bedeutet ja schließlich auch Vergnügen." Spielerisch erforscht das Ensemble gemeinsam die Musik. Wie ein Kind, das durch das Spiel die Welt entdeckt.

Für Charlotte Maclet ist jedes dieser Stücke ein kleines Wunder. "Sie haben etwas Existenzielles. Sie kommen so leicht und locker daher, sind dabei aber sehr tiefgründig. Von einem Moment zum nächsten kann die größte Sorge in beschwingteste Heiterkeit umschlagen."

Mozarts Persönlichkeit in den Divertimenti

Auch die Mozart eigene Keckheit steckt in seinem Jugendwerk. In der Einspielung der Camerata Alma Viva deutlich zu hören.

Die Geigerin ist überzeugt, dass in Mozarts Musik sehr viel von seiner Persönlichkeit steckt: "Humor, Tiefsinn, Geistigkeit, aber auch einen gewissen Sinn für das Vulgäre. Auf jeden Fall steht das Leben, die Freude am Leben, im Mittelpunkt seiner Person und seines Werks."

Kontraste und Extreme

Mit überzeugender Klarheit arbeiten die 16 Ensemblemitglieder Details in den Werken heraus. Sie spüren feine Dissonanzen auf, machen Tempo- und Stimmungswechsel hörbar, unterstreichen Kontraste und Extreme.

Reminiszenzen an Vinyl

Und dann, nach Mozart, plötzlich ein anhaltendes, dichtes, kratzendes Geräusch. Wie das sogenannte "Scratchen" bei einer Vinyl-Schallplatte. Eine 25 Sekunden dauernde Klangmauer: "The Wall of Sound".

Als würde man bei einem Plattenspieler – vielleicht weil man es heute so gar nicht mehr gewohnt ist – etwas unvorsichtig den Tonabheber mit der Nadel von der Platte nehmen, um die Scheibe auf die andere Seite zu drehen.   

"Ja, die CD ist tatsächlich ein bisschen mit dem Gedanken an eine Vinyl-Platte gemacht", erzählt Charlotte Maclet. "Am liebsten würden wir sie sogar eines Tages auf Vinyl herausbringen."  

Die verschiedenen Seiten der Camerata Alma Viva

Daher auch der Name des Albums: "B-Side", also B-Seite. Auf der A-Seite präsentiert sich das Ensemble mit Klassik, d.h. ihre Interpretation klassischer Werke. Auf der B-Seite zeigen die jungen Leute eine andere Seite von sich: nämlich selbst gemachte Arrangements, mit all ihren Eigenheiten.                         

Darunter die Passacaglia von Georg Friedrich Händel, im Original für Cembalo geschrieben. Für die Camerata Alma Viva hat sie der Geiger und das Ensemble-Mitglied Eric Mouret für Streicher arrangiert.

Auf der CD ebenfalls im Arrangement von Mouret: ein Walzer des modernen russischen Komponisten Dmitrij Kabalewskij. Ein anderthalbminütiger "Mini-Walzer", ein vergnüglicher kleiner Tanz, der leicht daherkommt, wie zarte Champagner-Perlen – bevor es zum Abschluss ans Dessert geht: der Czardas, 1904 ursprünglich als Rhapsodie für Violine, Mandoline und Klavier von dem italienischen Geiger Vittorio Monti komponiert.   

"Wir lieben diese Stück sehr und haben es bei Konzerten oft als Zugabe gespielt", erzählt Charlotte Maclet. "Wie die Divertimenti begleitet uns der Czardas von Anfang an, seit zehn Jahren."  

Für die CD hat das Streichorchester Camerata Alma Viva seine Lieblingswerke ausgewählt. Sie ist sozusagen eine Herzensangelegenheit des Ensembles. Und ein Porträt.

Drei Gründe, die CD zu hören

So gibt es mindestens drei Gründe, diese CD zu hören: Vor allem kann man Mozarts frühe Divertimenti neu entdecken. Man kann sich aber auch einfach nur zurücklehnen und ein musikalisches Mehr-Gänge-Menü genießen. Und: man lernt ein junges europäisches, äußerst spiel- und experimentierfreudiges Streicherensemble kennen.

Antje Bonhage, rbbKultur