Sandro Rodrigues: Fantasia © Cobra Records
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CD DER WOCHE | 08.06. – 14.06.2020 - "Fantasia"

Eine Gambe hat sechs Saiten und ist in Quarten gestimmt, genauso wie eine klassische Gitarre. Diese Ähnlichkeit der Instrumente hat der portugiesische Gitarrist Sandro Rodrigues für sich genutzt und den Zyklus von 12 Gambenfantasien von Georg Philipp Telemann für sein Instrument bearbeitet und aufgenommen - die allererste Aufnahme dieser Gambenmusik in der Gitarrenversion.

Ohne jegliche Vorerfahrungen habe er den "Berg von Telemann-Noten" für die Gitarre arrangiert, erzählt Sandro Rodrigues. Diese Transkriptionen der um 1735 komponierten Musik hat er dann als Abschlussarbeit für sein Bachelor-Studium eingereicht.

Natürlich hat der Gitarrist die Bachelor-Prüfung mit seiner Fleißarbeit "spielend"  bestanden. Nun absolviert er gerade sein Masterstudium im niederländischen  Maastricht, wo er in der Meisterklasse von Carlo Marchione studiert. Diesen Namen kennen klassische Gitarristen in aller Welt nicht zuletzt von dessen zahlreichen Telemann-Bearbeitungen. Mit einer solchen Koryphäe zusammenzuarbeiten, habe ihm enorm geholfen, meint Rodrigues. "Von Carlo Marchione habe ich gelernt, wie man eine gute Transkription anfertigt."
 
Die Notentexte mit Leben zu erfüllen gelingt dem Gitarristen mit seinem Instrument aus der Werkstatt von Paco Santiago Marin ganz vorzüglich. Jede Fantasie spielt Rodrigues mit einer eigenen Klangfarbe. Er überträgt die unterschiedlichen Stimmungen in sein Spiel, lässt ein heiteres Scherzando hell strahlen und gibt dem melancholischen Largo eine dunklere Färbung.

Dabei räumt Rodrigues der Melodie immer den Vorrang ein, mögen die Stimmverläufe auch noch so komplex sein. Die gesangliche Qualität muss im Vordergrund stehen, betont der Gitarrist und singt den Anfang des Themas einer der Fantasien. "Wenn dann eine neue Stimme dazukommt, müssen sie sich harmonisch zusammenfügen."

Telemanns originale Fantasien für Viola da Gamba seien sehr "gitarristisch" meint Sandro Rodrigues, schließlich gäbe es zwischen Gambe und Gitarre viele Ähnlichkeiten. Natürlich hält er als Gitarrist in der rechten Hand keinen Bogen, sondern zupft die Saiten.  Mit der linken Hand aber greift er ganz ähnliche Fingersätze wie auf der Gambe.

"In Telemanns Fantasien werden viele verschiedene Gefühle und Gedanken zum Ausdruck gebracht", sagt Rodrigues, der die Barockmusik mit ihrem umfangreichen System von Affekten und Verzierungen seit Jahren intensiv studiert. Stilsicher lotet er klangliche Freiheiten aus und präsentiert den ohnehin schon abwechslungsreichen Zyklus virtuos-verspielt.

Seine ganz grundsätzliche Freude am Spiel hätte er als Kind auf einem anderen "Spielfeld" allerdings beinahe eingebüßt. "In meinem Fußballverein wollten sie damals, dass wir uns die Haare ganz kurz schneiden lassen. Da habe ich gesagt, Nein, ich lasse mir doch nicht meine Haare abschneiden, da mache ich lieber etwas anders !", erzählt Rodrigues.

Und so hat sich der 24 Jahre alte Musiker statt Profi-Fußballer zu werden, damals dann doch lieber der Gitarre zugewandt. Ein guter Entschluss, der jetzt eines der schönsten Gitarrenalben der letzten Zeit hervorgebracht hat.

Hasn Ackermann, rbbKultur