Georg Friedrich Händel Messiah (Der Messias) © AliaVox
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CD DER WOCHE | 16.12. – 23.12.2019 - Georg Friedrich Händel: "Messiah" (Der Messias)

Der Katalane Jordi Savall hat in seinem Leben viele unbekannte Werke der Alten Musik ausgegraben. Vor zwei Jahren hat er mit seinen Ensembles dann erstmals Händels "Messias" aufgeführt, eines der berühmtesten Werke der Barockmusik. Die Aufnahme des Pariser Konzertes ist nun als Doppel-CD erschienen.

Im Großteil seiner Laufbahn hat sich Savall fast ausschließlich mit musikalischen Entdeckungen aus früheren Jahrhunderten beschäftigt. Nun geht er stramm auf die 80 zu und ist in einer Phase seines Lebens angelangt, wo er Lust auf das verspürt, "was alle Leute machen" – also auf die großen Werke der Musikgeschichte aus Barock und Klassik. Im vergangenen Sommer ist seine Deutung der drei letzten Mozart-Sinfonien auf CD herausgekommen und im Moment stehen bei ihm die Beethoven-Sinfonien im Mittelpunkt.

Weihnachten in Versailles

Vor zwei Jahren hat er in den Tagen vor Weihnachten eine kleine Tournee mit dem wohl berühmtesten Oratorium der Welt durchgeführt, mit Georg Friedrich Händels 1741 entstandenem "Messiah". Letzte Station der Tournee war die Schlosskapelle von Versailles, ein prachtvolles Gebäude, in Auftrag gegeben vom "Sonnenkönig" Ludwig XIV. Die Aufnahme dieses Konzertes hat Jordi Savall nun auf seinem eigenen Label veröffentlicht. Die Atmosphäre an diesem mit Geschichte aufgeladenem Ort war besonders, doch das repräsentative Gebäude besitzt eine recht hallige Akustik. Diese macht sich auch nachteilig auf der Aufnahme bemerkbar und wirft einen kleinen Schatten auf die ansonsten sehr geglückte Aufführung.

Biografie-Interesse

Bei seiner Annäherung an das Werk hat sich Savall besonders für die Lebensumstände Händels in der Zeit interessiert, als er den "Messias" komponiert hat. Unter dem Titel "Auf der Suche nach dem Licht" stellt er in einer langen Abhandlung im Booklet die "spirituelle, finanzielle und körperliche Krise" dar, die Händel zuvor hatte überwinden müssen: Seine letzten Opernprojekte waren desaströs gescheitert, er litt zeitweilig unter einer teilweisen halbseitigen Lähmung und mit Königin Caroline war eine langjährige Freundin und Unterstützerin gestorben.

Jordi Savall © David Ignaszewski
Bild: David Ignaszewski

Oratorien-Ausweg

Einen Ausweg aus dieser Situation bot dem 56 Jahre alten Komponisten die Hinwendung zur Gattung Oratorium und ein Auftrag aus Dublin. Innerhalb weniger Wochen stellte er den "Messias" fertig, wobei er eine von seinem Freund Charles Jennens erstellte Abfolge von Bibeltexten vertonte. Jesus Christus, der christliche "Messias", wird dabei nur einmal und erst kurz vor Ende des Werkes namentlich genannt. Das Oratorium hat Händel dann bis zu seinem Lebensende immer wieder aufgeführt und dabei ständig revidiert und angepasst, so dass keine definitive Fassung vorliegt. Jordi Savall hat, gerade wegen seines Blickes auf die Vorgeschichte, weitgehend die Erstfassung aufgenommen.

Mit Countertenor

Die wichtigste Entscheidung, die Savall vor dem "Messias"-Projekt zu treffen hatte, war: Wer singt die Alt-Partie, eine Frau oder ein Countertenor? Für beide Varianten lassen sich Argumente finden und beide sind in modernen Aufführungen des Werkes üblich. Savall entschied sich für den Franzosen Damien Guillon, weil er nach eigener Aussage keine Altistin gefunden hatte, die im richtigen Stil und nicht zu opernhaft sang. Als weitere fähige Gesangssolisten sind der englische Tenor Nicholas Mulroy und der deutsche Bariton Matthias Winckhler zu hören, überstrahlt werden sie jedoch von ihrer Kollegin, der schottischen Sopranistin Rachel Redmond.

Geistliche Dimension

"Das ist eine Musik, die bringt die Menschen wirklich in eine höhere Dimension", findet Jordi Savall, und entsprechend hat er in seiner Interpretation auch kaum die dramatischen Elemente im "Messiah" hervorgehoben und stattdessen seinen spirituellen und ein wenig mystischen Charakter. Unterstützt haben ihn dabei die erfahrenen Instrumentalisten seines "Concert des Nations" und die 22 jungen Sängerinnen und Sänger seiner "Capella Reial de Catalunya" – die meisten davon sind Absolventen einer seit fünf Jahren von Savall organisierten Gesangsakademie.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur