Georg Friedrich, Händel Concerti grossi © Pentatone
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CD DER WOCHE | 10.02. – 17.02.2020 - Georg Friedrich Händel: Concerti grossi Op. 6 (7-12)

Lange hat sich die Akademie für Alte Musik Berlin bei ihren CD-Aufnahmen von der Instrumentalmusik Georg Friedrich Händels ferngehalten. Doch nun erscheinen innerhalb weniger Monate gleich drei Platten mit allen seinen Concerti grossi. Und diese zeigen: das Berliner Barockorchester liefert auch hier Spitzenergebnisse.

Nachdem die ersten sechs Konzerte von op. 6 vor kurzem herausgekommen sind, folgt nun der zweite Teil dieser Sammlung – und demnächst wird die Trilogie mit dem op. 3 abgeschlossen.

Oratorien-Füller

Der gebürtige Hallenser Händel schrieb die Concerti grossi des op. 6 innerhalb eines Monats im Herbst 1739 und veröffentlichte sie kurz danach in enger Zusammenarbeit mit dem Verleger John Walsh.

Der Zyklus entstand in einer Übergangszeit. Händels Opernunternehmen war endgültig gescheitert – das Londoner Publikum interessierte sich nicht mehr für seine Opern in italienischer Sprache, und er bot ihm daraufhin  englischsprachige Oratorien an. Vor Beginn und vor allem in den Pausen dieser Werke platzierte er Instrumentalkompositionen wie Orgelkonzerte und Concerti. Dafür, und auch für andere konzertante Aufführungen, waren die Stücke aus op. 6 vorgesehen.

 

Meisterwerk

Doch die sorgsam zusammengestellte Sammlung liefert weit mehr als beliebige  Gebrauchsmusik. Sie stellt ein Kompendium von Händels kompositorischen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Orchestermusik dar. Als er sie schuf, war er 54 Jahre alt und befand sich im Zenit seines Schaffens. Man hat die zwölf Werke als „Zwillingsgipfel des barocken Konzerts“ bezeichnet – zusammen mit Johann Sebastian Bachs „Brandenburgischen“ Konzerten. Ganz offensichtlich wollte Händel hier alle Facetten seines Könnens zeigen und jedem Stück dabei ein eigenes Gepräge geben.

Corelli-Nachfolge

Händel knüpfte mit op. 6 an die beispielgebende Concerto grosso-Sammlung von Arcangelo Corelli an, die auch in London Triumphe feierte. In jungen Jahren, bei seinem jahrelangen Studienaufenthalt in Rom, hatte Händel in engem Kontakt zu Corelli gestanden und dessen Stil ganz aus der Nähe kennengelernt. Von diesem Ausgangspunkt aus schuf er Werke, die zwischen vier und sechs Sätze umfassen und Corellis Modell der Concerti „da chiesa“ und „da camera“ mit langsamem bzw. schnellem erstem Satz modifizierten. Zwei Instrumentalgruppen stehen sich bei den Concerti grossi gegenüber: eine kleinere mit solistischen Aufgaben und ein vierstimmiges Streichorchester.

Herausforderung

Bernhard Forck, Konzertmeister der Akademie für Alte Musik, hat die Aufnahmen zur CD geleitet. Dass das Berliner Barockorchester lange „ein bisschen Angst“ vor Händels Concerti grossi-Zyklen gehabt habe,  begründet er mit der immer gleichen Instrumentierung aller Werke. Jedem davon eine besondere Farbe zu geben, sei eine große Herausforderung. Doch es war ihm „ein ganz großes Anliegen“. Und dies umzusetzen, gelingt der „Akamus“ in exemplarischer Weise – die Einspielung macht deutlich, wie intensiv sich das gesamte Ensemble mit dem Zyklus auseinandergesetzt hat.

Ziele

Man merkt Händels Konzerten die Nähe zur Vokalmusik an, findet Bernhard Forck, und entsprechend versucht er seine Interpretation klingen zu lassen. Deklamatorisch solle sie erscheinen, etwas „vom Gesungenen, vom Gesprochenen, vom Rezitativischen“ haben und alle Affekte bedienen. Zu seinen Zielen bei der Aufnahme zählte auch, die Continuo-Begleitung möglichst farbig zu gestalten, und deshalb wechseln sich  Cembalo, Orgel und Laute in dieser Funktion ab.

Weicher Klang

Es sei wichtig gewesen, sich beim Aufführen der Concerti zu trauen, „in Extreme zu gehen“, sagt Bernhard Forck. Dennoch unterscheidet sich der Gesamtklang des Orchesters deutlich von dem, den man über Jahrzehnte von der aus dem Ostteil Berlins stammenden Gruppe gewohnt war. Das „Akamus“-typische Ruppige und Schroffe in ihrem Spiel fehlt hier völlig.

Forck führt dies auf den Charakter von Händels Concerti grossi zurück. „Es lag mir daran, in diese Konzerte Fülle und Wärme zu bringen“, erklärt er, „und besonders am Herzen lagen mir auch die langsamen Sätze in ihrer Zartheit und Durchsichtigkeit und Zerbrechlichkeit“.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur