Georg Friedrich Händel: Concerti grossi op.3; Montage: rbbKultur
Hänssler Classic
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CD DER WOCHE | 09.06. – 16.06.2019 - Georg Friedrich Händel: "Concerti grossi op.3"

Die Ernennung von Reinhard Goebel zum Künstlerischen Leiter der Berliner Barock Solisten hat sich schnell auf dem Plattenmarkt niedergeschlagen. Einige Monate nach den "Brandenburgischen Konzerten" von Bach hat er mit dem Philharmoniker-Ableger nun die erste Concerto-grosso-Sammlung von Händel aufgenommen.

Seit Reinhard Goebel im Jahr 2006 sein Ensemble Musica Antiqua Köln aufgelöst hat, wirkt er als freier Dirigent und als Professor am Mozarteum in Salzburg. Der Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis sieht die Alte-Musik-Szene inzwischen kritisch und die Barockmusik bei Kammerorchestern mit "modernen" Instrumenten am besten aufgehoben.

Neue Aufgabe

Da traf es sich gut, dass Raimar Orlovsky, Geiger bei den Berliner Philharmonikern und Manager ihres Ablegers Berliner Barock Solisten, Goebel einmal um Repertoire-Rat fragte. Daraus entwickelte sich eine immer engere Verbindung, Goebel begann die Barock Solisten zu dirigieren und im vergangenen Jahr ernannten sie ihn zu ihrem Künstlerischen Leiter. Er ist nun federführend bei ihrer Repertoireplanung und dirigiert sie bei ausgewählten Projekten.

Beglückt

Die Aufnahme von Händels op. 3 in der legendären Jesus-Christus-Kirche in Dahlem sei "eine reine Orgie" gewesen, sagt Goebel, die Musiker hätten wie um ihr Leben gespielt. So einen beglückenden makellosen Geigenton habe er sich immer gewünscht. Er räumt ein, dass er dafür sogar mit zweierlei Maß misst. Denn er nimmt in Kauf, dass die Instrumentalisten unter Umständen nicht sehr viel von den Prämissen der historischen Aufführungspraxis wissen – bei Vertretern der Alte-Musik-Szene wäre das für ihn inakzeptabel. Den Allroundern von den Philharmonikern gibt er hingegen gerne Nachhilfe und er ist sich sicher, "dass alle Herrschaften nach jeder Session reicher und bewusster nach Hause gehen".

Alter Wunsch

Die Sammlung von sechs Concerti grossi hatte Reinhard Goebel schon lange auf dem Schirm. Schon seit Teenagerzeiten war er von Händels Musik begeistert. Die Sammlung vereine "viel Geist und viel musikalische Intelligenz" mit dem "Populären".

Doch zu Zeiten der Musica Antiqua Köln konnte er sie nicht aufnehmen – beim englischen Repertoire hatte sein Plattenlabel Trevor Pinnocks English Concert den Vorrang eingeräumt. Mit den Berliner Barock Solisten war es nun endlich soweit.

Vielfalt

Der 1734 vom Londoner Verleger Walsh offenbar rasch auf den Markt geworfene Zyklus ist ein Konglomerat von teilweise deutlich älteren Konzerten. Das hervorstechende Merkmal des op. 3 ist seine Vielfalt – kein Concerto grosso gleicht dem anderen.

Die Anzahl und die Art der Sätze variiert ebenso wie die Besetzung. Manchmal stehen zwei Oboen als Soloinstrumente im Mittelpunkt, manchmal zwei Violinen oder sogar zwei Celli – und in dem gar nur aus zwei Sätzen bestehenden sechsten Konzert ist es plötzlich eine Orgel.

Zugabe

Neben den sechs Konzerten, die fester Bestandteil des op. 3 sind, haben die Barock Solisten noch ein weiteres Concerto auf die CD gesetzt. Es handelt sich dabei um ein F-Dur-Konzert (HWV Anh B 319), das in der Erstausgabe anstelle des späteren vierten Konzerts publiziert wurde. Ob Händel der Komponist dieses Konzertes ist, ist umstritten – nur manche Ensembles berücksichtigen es bei Einspielungen des Zyklus. Doch Reinhard Goebel ist es sehr ans Herz gewachsen, seit er es früher in Konzerten der Musica Antiqua aufgeführt hat, und deshalb durfte es hier nicht fehlen.

Neue Ideen

Händels op. 3 – er hat ihm noch seine viel strukturiertere Sammlung von zwölf Concerti grossi op. 6 folgen lassen – ist schon öfters aufgenommen worden. Ob man in seiner Einspielung etwas Neues erkenne, überlasse er dem Hörer, sagt Reinhard Goebel. Er nimmt allerdings in Anspruch, dass man hier erstmals sämtliche wesentlichen Verzierungen ergänzt habe. "Sie werden den Mangel an Vibrato gar nicht feststellen, weil auf jeder dritten Note irgendwo ein Trillerchen sitzt. Das belebt die Geschichte ungeheuer."

Hochglanz

Insgesamt ist den Berliner Barock Solisten technisch eine Aufnahme von Philharmoniker-typischer Perfektion gelungen. Der höhere Stimmton ihrer "modernen" Instrumente hat allerdings zur Folge, dass sie Konzerte nicht so erdig und obertonreich klingen wie dies bei Ensembles mit historischen Instrumenten der Fall ist. Da alleine acht Geigen beteiligt sind, fällt der Sound etwas streicherlastig aus – was speziell in den schnellen Sätzen aber einen sehr gesättigten und luxuriösen Klangeindruck vermittelt.

Nachdem die Barock Solisten bisher vornehmlich mit Werken von Telemann und Johann Sebastian Bach gepunktet haben, ist nun auch Georg Friedrich Händel zu ihrem Portfolio hinzugekommen.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur