Ballads within a dream © Deutsche Harmonia Mundi
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CD DER WOCHE | 03.08. – 09.08.2020 - Musik in einem Traum: "Ballads within a Dream"

Der Berliner Lautenist Andreas Arend hat viel Erfahrung als Generalbass-Begleiter. Nun hat er erstmals eine CD in eigener Verantwortung zusammengestellt, mit englischer Musik des 17.Jahrhunderts. Es ist ein außergewöhnliches Projekt geworden, klanglich und inhaltlich.

Dafür, dass neben Arend nur drei weitere Musikerinnen auf der CD zu hören sind, klingt das Programm ungemein vielfältig und abwechslungsreich. Im Zentrum stehen einige der – nach Arends Ansicht – schönsten englischen Balladen und Volkslieder aus dem Frühbarock und außerdem sein Instrument, die Theorbe. Diese besitzt dank der langen Basssaiten an ihrem "Giraffenhals" eine besonders dunkle Klangfärbung.

Improvisationen

Da aus jener Epoche keine Kompositionen explizit für Theorbe überliefert sind, hat Arend ein paar Stücke improvisiert – so wie es die Lautenisten damals sicherlich auch taten. Er hat dabei das Passamezzo-Modell verwendet, eine Basslinie und Harmoniefolge kombiniert mit selbst ausgedachter Melodie. Dabei erweist er sich als fantasievoller und sensibler Virtuose auf seinem Instrument.

Arrangements

Doch Andreas Arend hat seine Lust am Bearbeiten nicht auf die Lautenstücke beschränkt. Vielmehr hat er fast alle Kompositionen auf der CD nach seinem Gusto zurechtgebogen – zwar weitgehend im Stil der Entstehungszeit, doch bewusst auch neue Reizpunkte im Zusammenspiel der Stimmen setzend. Nach eigener Aussage lieber die Finger gelassen hat er aber von Henry Purcells Lied "Music for a while", weil es so bekannt ist, und von den Instrumentalstücken, mit denen sich die beiden Streicherinnen präsentieren konnten.

Hochklassige Auflockerung

Die Gambistin Hille Perl und die Geigerin Veronika Skuplik zählen zu den besten deutschen Musikerinnen auf dem Gebiet der Alten Musik. Andreas Arend hat schon oft mit ihnen zusammengearbeitet und schätzt sie sehr. Deshalb wollte er sie unbedingt bei seinem Projekt dabeihaben.

Ihre Solobeiträge sollten dazu dienen, die Programmpunkte voneinander zu trennen und das Ganze aufzulockern. Die Stücke konnten sie selbst bestimmen, wobei am Ende eine Violinsonate von Henry Eccles, ein auf einem ostinaten Bass beruhendes Gambenstück von Christopher Simpson sowie eine Triosonate von Godfrey Finger hinzukamen.

Unaufdringlicher Gesang

Am schwierigsten gestaltete sich die Suche nach einer geeigneten Sängerin, bekennt Arend. Umso beglückender verliefen die Aufnahmen mit der Engländerin Clare Wilkinson, da sie sofort verstanden habe, was er erreichen wollte. Sie verzichtet auf jede Effekthascherei und ihre gerade geführte Stimme lässt die Stücke sehr natürlich und volksliedartig klingen. Teilweise verliefen die Sessions sehr bewegend, etwa beim Lied "I will give my love an apple". Bei dem wollte Wilkinson eine einzige Note geändert haben, damit es genau so klang, wie ihre Mutter es ihr als Kind immer vorgesungen hat.

Shakespeare

Besonderen Ehrgeiz entwickelte der Lautenist, als ihm eine Rahmenhandlung für die CD in den Sinn kam. Er erinnerte sich an die Geschichte von der Elfenkönigin Titania, die in Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum" durch einen Zauber zeitweise dem Handwerker Zettel verfällt, dessen Kopf in den eines Esels verwandelt wurde. Sie kommt an zwei Stellen in Shakespeares Werk vor und entsprechend hat Arend sein Programm zweigeteilt und jeweils passende Kompositionen dafür ausgewählt.

Überzeitlich

Zettels traumhaftes Erlebnis, das er nicht richtig versteht, ist der Hintergrund für den Titel der CD: sein "Traum" ist es, in den sich die Lieder einfügen, "Ballads within a dream". Diese Episode in Shakespeares Werk hat Andreas Arend zu weitergehenden philosophischen Überlegungen verleitet, denn er sagt: "Wenn man jetzt mal Zettel und Titania beleuchtet, wie die Narren aus sich machen, das sieht man täglich überall, ich seh’ es auch zuhause an mir selbst. Und es ist unglaublich lustig, wenn man darüber nachdenkt, wie die sich die ganze Zeit verirren, wie jeder meint, jetzt hat er’s gefunden und hat’s genau nicht gefunden. Aber vielleicht ein bisschen doch!"

Melancholie

Shakespeare lässt Zettel am Ende sagen "Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen lässt, diesen Traum auszulegen". Die Melancholie, die sich in diesem Satz spiegelt, durchzieht die gesamte CD. Angefangen vom weichen Klang der Mezzo-Stimme Clare Wilkensons über die tief liegenden Arrangements bis zum letzten Stück der Platte. Die berühmte Melodie "Greensleeves" hat Andreas Arend ganz am Ende aufgenommen, sehr schlicht und nur mit der Tonmeisterin zusammen – und in Gedanken bei Zettel, der auch alleine dasitzt und nicht weiß, wie ihm geschehen ist.

Die besondere Aura, die das Programm durchzieht – die einer wohligen Ungewissheit oder schwebenden Ambivalenz – ist beim Hören durchaus herausfordernd. Doch allen, denen es gelingt, sich darauf einzulassen, denen sind bewegende Stunden garantiert.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur