Lautten Compagney: Circle Line; Montage: rbbKultur
Bild: deutsche harmonia mundi

CD DER WOCHE | 11.11. – 18.11.2019 - Lautten Compagney: "Circle Line"

Vor zehn Jahren feierte die Berliner Lautten Compagney einen überraschenden und großen Erfolg, als sie für die CD "Timeless" barocke Werke von Tarquinio Merula mit der Minimal Music von Philip Glass kombinierte. Daran knüpft sie anlässlich ihres 35. Gründungsjubiläums mit ihrer neuen CD an.

Diese neue Scheibe wollte er ursprünglich "Ringbahn" nennen, sagt Wolfgang Katschner, der Künstlerische Leiter des Ensembles. Denn so wie die Berliner S-Bahn auf dem Ring die unterschiedlichsten Stadtbezirke miteinander verbinde, kreise die im Ostteil Berlins beheimatete Lautten Compagney durch die Jahrhunderte der Musik und verknüpfe sie miteinander.

Internationaler Titel

Doch weil man eine Platte, die international vertrieben werden soll, kaum "Ringbahn" nennen könne, kam man auf die berühmte Londoner Variante, die "Circle Line". Und daher heißt die CD nun nicht nur so, sondern ihr Cover ist auch analog zum Londoner "Underground"-Linienplan gestaltet. Als "Stationen" sind da Guillaume Dufay in rot sowie Philip Glass, Steve Reich und John Cage in blau eingezeichnet. Es fehlen die Namen der modernen Komponisten Meredith Monk, Peter A. Bauer und Wim Mertens, die ebenfalls auf der CD vertreten sind.

Lautten Compagney; © Ludwig Olah
Bild: Ludwig Olah

Kontrastsuche

Den zeitgenössischen Teil des Programms konzipierte Katschner zusammen mit Bauer, dem Perkussionisten seines Ensembles, wobei Kompositionen von Glass den Schwerpunkt bilden. Während die Auswahl der Stücke aus dem Minimal Music-Bereich ziemlich leicht und schnell vonstattenging, grübelte der Lautenist Katschner lange über den Gegenpol aus dem Bereich der Alten Musik. Er entschied sich schließlich für Werke von Guillaume Dufay, einem der bedeutendsten Komponisten der frühen Renaissance. Dieser wirkte in Italien und Frankreich und hat vor allem geistliche, aber auch weltliche Kompositionen geschaffen.

Entdeckungsreise

Die Werke Dufays vergleicht Wolfgang Katschner mit der "perfekten Schönheit" geschliffener Edelsteine. Die Annäherung an das Œuvre Dufays bezeichnet er als "eine wahnsinnig interessante und schöne Entdeckungsreise, weil ich das vorher nur sehr wenig kannte". Er ging dazu in den Lesesaal der Staatsbibliothek, wo er die Dufay-Gesamtausgabe nach geeigneten Werken durchforstete. Als erstes stach ihm dabei das "Gloria ad modum tubae" ins Auge, ein Vokalstück, das dem Klang von Trompeten nachempfunden ist – "und wo ich gedacht habe: Mensch, das ist ja wie Minimal Music. Das war so der Türöffner."

Soundbrücke

Der besondere Reiz von "Circle Line" besteht in der Art, wie die Lautten Compagney die 500 Jahre auseinander liegenden Werke miteinander verbindet. "Der normale Hörende soll nicht merken, ob das Alte oder Neue Musik ist", erklärt Katschner. Dazu "wird alles in einen Sound gesteckt", geprägt von alten Instrumenten und ohne Singstimmen. Würde man die Werke in originaler Weise aufführen – Dufays Kompositionen vokal, die Minimal Music mit Klavier oder modernen Ensembles – wäre der Gesamtklang unmöglich so homogen zu gestalten. Auf zwei Tracks sind Alt und Neu sogar ineinander verschachtelt!

Klangerweiterung

Das Ensemble geht dabei aber nicht engstirnig vor. Unter den 13 Musikern befindet sich auch die Saxophonistin Karola Elßner und Peter A. Bauer, in dessen Klangarsenal sich das Vibraphon und anderes modernes Schlagwerk befinden. Sie erschließen dem Alte-Musik-Klang der Lautten Compagney neue Dimensionen – hin und wieder auch bei Stücken von Dufay. Zudem musizieren auf einigen Tracks nicht alle zusammen, sondern kleinere Ensembles werden gebildet – teilweise nur Streicher oder Bläser oder nur Lauteninstrumente. Auch zwei Solostücke sind zu hören.

Herbstlich

Die große Musizierfreude ausstrahlende CD hat insgesamt einen eher dunklen Charakter – teilweise haben die Stücke einen melancholischen, manchmal gar einen fast aggressiven Touch. Wolfgang Katschner schreibt dies zum einen der Musik von Guillaume Dufay zu, die oft sehr archaisch klingt. Zum anderen habe man auch Kompositionen aus der Welt der Minimal Music ausgesucht, die oft in sich gekehrt seien. Doch genau so soll es sein, betont er schmunzelnd. "Das finde ich auch das Schöne an dem Album, diese leichte Herbstfarbe, die sich da durchzieht und die ja jetzt zum November gut passt".

Bonus-Track

Und dann gibt es schließlich noch die Zugabe zum "Circle Line"-Programm, den Bonus-Track der CD. Und hier verschwindet mit "Close Cover" des Belgiers Wim Mertens alles vermeintlich Trübselige und der Sonnenhimmel öffnet sich …

Rainer Baumgärtner, rbbKultur