Love? Homage to Clara Schumann © Sony Classical
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CD DER WOCHE | 09.09. – 15.09.2019 - "Love? Homage to Clara Schumann"

Die Pianistin Yaara Tal hat sich auf ihrer neuen CD in besonderer Weise mit Clara Schumann befasst: Und zwar hat sie Werke gefunden, die alle direkt oder indirekt mit Clara Schumann zu tun haben. Auch weniger bekannte Komponisten sind vertreten. Die CD hält einige Entdeckungen bereit ...

Es begann mit einer Überraschung: Durch einen Zufall stieß Yaara Tal auf die österreichische Pianistin und Komponistin Julie von Webenau. Die war die Schülerin eines Mozart-Sohns und hat in den Jahren 1838 und 39 zwei Fanatsiestücke geschrieben. "L’Adieu" und ‚"Le Retour". Sie stehen gleich am Anfang der CD. Es ist die erste Einspielung dieser beiden Stücke überhaupt.

Die Fantasiestücke hat Julie von Webenau jedoch nicht ihrem Mann, sondern Robert Schumann gewidmet. Der wiederum war zu der Zeit bereits mit Clara Wieck verlobt.

Yaara Tal wurde neugierig: "Wie kommt es dazu, dass die Webenau ihm ein Werk widmet und dass Robert Schumann wiederum dieser Webenau seine Humoreske und damit eins seiner bedeutendsten Werke für Klavier widmet?"

Yaara Tal suchte in den Tagebüchern von Robert Schumann. "Die Webenau liebt mich" war da zu lesen. Und: "Gestern brach es bei der Webenau mehr als je hervor."

Robert und Clara

Tal wollte daraufhin wissen, was und für wen Clara Schumann in der Zeit komponierte. Sie stieß auf drei Romanzen. Clara Schumann – damals hieß sie noch Wieck – hat sie zur selben Zeit komponiert wie Julie von Webenau "L’Adieu" und "Le Retour". Und: Auch sie hat ihre Stücke Robert Schumann gewidmet.

Stilistisch erinnern die Romanzen ein wenig an Mendelssohn. Und obwohl sie nur sehr kurz sind, waren sie für Yaara Tal als Interpretin recht anspruchsvoll.

"Interpretatorisch extrem schwer und extrem enigmatisch. Das hat mich wirklich bis zum Schluss sehr viel Zeit gekostet. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich die Aufnahme jetzt höre, dass es wirklich eine brauchbare Lösung ist. Obwohl schon Einspielungen vorliegen, musste ich wirklich beinahe von Null arbeiten."

Clara Schumann und Theodor Kirchner

Eine Neuentdeckung auf der CD sind die drei Präludien von Theodor Kirchner. Er war ein Schüler von Robert Schumann, von dem er auch gefördert wurde. Als Kirchner 1859 seine Präludien Clara widmete, lebte Robert bereits nicht mehr. Offenbar hatten Clara und Kirchner eine Zeitlang engere Beziehung. Gelegentlich traten sie auch als Klavierduo miteinander auf: Bis es zum Bruch kam, als Clara feststellte, dass Kirchner dem Glücksspiel verfallen war und es womöglich nur auf ihr Geld abgesehen hatte.

Musikalisch sind es Werke, die in die Zukunft blicken. Ansatzweise erinnern sie an Scriabin oder Rachmaninow. Das erste Präludium auf der CD ist ruhig, eher lyrisch. Die beiden anderen: wilder, vorantreibender.

"Als wollten sie sich Zugang zu einer Person verschaffen.", findet Yaar Tal. "Ich glaube, wenn man über die Geschichte der Entwicklung der Beziehung liest, ist klar: Kirchner hat es auf Clara abgesehen. Vielleicht auch sie auf ihn, denn schließlich hat sie ihn oft besucht, als er noch in der Schweiz lebte. Man kann eine gewisse Emotion, ein Agitato, eine erregte Emotion hören. Ich, finde, es könnte Liebe sein."

Johannes Brahms und Schumanns Tochter

Es könnte Liebe sein …: So auch bei Brahms, der eine besondere Zuneigung zu Julie Schumann empfand, dem dritten Kind von Clara und Robert. Der jugendlichen Julie widmete Brahms die Variationen über ein Thema ihres Vaters, für Klavier zu vier Händen.  

Für die CD hat Yaara Tal das Werk mit ihrem langjährigen Duo-Partner Andreas Groethuysen eingespielt.

Ein Höhepunkt auf der CD ist Brahms‘ Rhapsodie , hier in einer Fassung für Tenor, Frauenchor und Klavier. Brahms hat Julie Schumann die Rhapsodie zu ihrer Hochzeit geschenkt. – Für den freudigen Anlass erstaunlich: denn es ist kein heiteres, sondern ein düsteres Werk. Es basiert auf einem Text von Goethe. in dem es um verlorene Liebe geht. 

Zutiefst menschlich und dramaturgisch geschickt

Wie klingen Sehnsucht, Enttäuschung oder Hoffnung?  Wie fühlt sich Liebe an? Yaara Tal rührt mit ihrer Werkauswahl an zutiefst menschlichen Empfindungen. Und es ist ihr eine CD gelungen, die auf interessante und dramaturgisch geschickte Weise das verworrene Beziehungsgeflecht um Clara Schumann aufzeigt

Antje Bonhage, rbbKultur