W. A. Mozart: Le Testament Symphonique, Montage: rbbKultur
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CD DER WOCHE | 24.06. – 30.06.2019 - W. A. Mozart: Le Testament Symphonique

Die drei letzten Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts sind schon häufig aufgenommen worden. Wenn der Katalane Jordi Savall sie nun mit seinem "Concert des Nations" vorlegt, ist das nicht nur ein weiterer Versuch eines Originalklangorchesters, diese Werke zu meistern. Vielmehr kehrt Savall damit gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück.

Denn es war ein Werk von Mozart, die ihm einen wesentlichen Impuls lieferte, eine Musikerkarriere anzustreben. Als Teenager nach dem Stimmbruch wusste das ehemalige Mitglied eines Knabenchores nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Da erlebte er eine Probe des Mozart-Requiems und dieser Abend bewegte ihn so sehr, dass er beschloss, ein Instrument zu erlernen – das Violoncello – und sich ganz der Musik zu verschreiben.

Rückkehr

Nach dem Cellostudium ist er zwar zur Gambe und zur Alten Musik gewechselt, doch Mozarts Musik hat er immer im Hinterkopf behalten – und gelegentlich nach vorne geholt. Das Requiem hat er schon vor fast 30 Jahren aufgenommen, es war eines der ersten Projekte mit seinem Orchester "Le Concert des Nations", und in der Zwischenzeit auch noch eine CD mit Mozart-Serenaden. Vor zwei Jahren fand er das Ensemble dann auch reif genug, eine gute Interpretation der letzten Mozart-Sinfonien abliefern zu können.

Lebensumstände

Während sich viele Interpreten des klassisch-romantischen Repertoires sehr zurückhalten, die Werke und die Biografie von Komponisten in Beziehung zu setzen, findet Jordi Savall im Falle von Mozart großes Vergnügen daran. Davon zeugt sein elfseitiger Text in dem wie üblich dicken Booklet zur Doppel-CD, die bei seinem eigenen Label herauskam. Er fühle sich verpflichtet, schreibt er dort, "mit Nachdruck das große Leid und die extremen Schwierigkeiten ins Bewusstsein zu rücken, mit denen Mozart in einer Zeit und in einer Gesellschaft zu kämpfen hatte, die nicht in der Lag war, seine musikalische Reichweite zu verstehen, geschweige denn, ihm die moralische und finanzielle Unterstützung zu gewähren, die er brauchte, um sein unvergleichliches Genie voll zu entfalten."

Bettelbriefe

Savall schildert die äußeren Umstände von Mozarts letzten Lebensjahren und zitiert aus den Bettelbriefen, die er an Michael Puchberg schrieb,  einen Bruder in der Wiener Freimaurerloge "Zur gekrönten Hoffnung". Das Gemälde einer Versammlung dieser Loge ziert das Cover der CD – mit hineinmontiertem Mozart-Portrait – und als assoziationsreiche Zugabe zu den drei letzten Sinfonien enthält die Neuveröffentlichung eine ältere Aufnahme der "Maurerischen Trauermusik" mit "Le Concert des Nations".

Kontrast

Jordi Savall ist überzeugt, dass Mozart eine Vorahnung seines frühen Todes hatte und nennt die innerhalb weniger Wochen entstandenen drei letzten Sinfonien dessen "sinfonisches Testament". Sie gelten als Höhepunkt der Sinfoniegeschichte des 18. Jahrhunderts. Diese meisterhaft ausgeglichenen Werke voller Harmonie stehen in auffälligem Kontrast zu den unglücklichen äußeren Umständen Mozarts im Jahr 1788 und danach. Vieles deutet darauf hin, dass der Komponist die drei Werke als Einheit angesehen hat. Die Sinfonie Nr. 39 beginnt mit einer Ouvertüre, die mittlere der drei ist besonders originell gestaltet und die Nr. 41, die "Jupiter-Sinfonie", endet mit einem herausragenden Finalsatz.

Übergänge

Nikolaus Harnoncourt hat in seiner Einspielung der drei Werke, wenige Jahre vor seinem Tod, von einem instrumentalen Oratorium gesprochen. Savall betont den Zusammenhang der Sinfonien noch mehr. Bei der ersten Aufführung durch "Le Concert des Nations" im Palau de la Música in Barcelona führte er sie hintereinander auf – ohne Pause und auch ohne Zwischenapplaus! Und um den Zusammenhang bei den Übergängen zwischen den Stücken für die Käufer der Doppel-CD hörbar zu machen, wird die Sinfonie Nr. 40 darauf zwei Mal geboten: nach der Nr. 39 (auf CD 1) und vor der Nr. 41 (auf CD 2). Insbesondere der Beginn der g-Moll-Sinfonie (Nr. 40) hängt nach Jordi Savalls Ansicht ohne das Ende der Nr. 39 völlig in der Luft.

Vom Barock her

Der bald 78 Jahre alte katalonische Alte-Musik-Pionier glaubt, dass Musiker wie er, deren Basis die Barockmusik ist, einen Vorteil bei der Interpretation der Mozart-Sinfonien besitzen. Vom Barocken ausgehend, könnten sie die Neuartigkeit der Mozartschen Tonsprache, aber auch das Fortleben älterer Satztechniken, besser verstehen und vermitteln als Dirigenten, die in der Spätromantik zu Hause sind.

Dunkler Klang

Mit der schmalen Besetzungsgröße von etwa 30 Musikern hat er sich der Orchesterstärke angepasst, die in Mozarts Umfeld üblich war. Die Bläser sind den Streichern ebenbürtig, wodurch kein flächiger Klangteppich erzeugt wird, sondern – kombiniert mit dem markanten historischen Instrumentarium – ein recht raues und unruhig-vibrierendes Klangbild. Besonders auffällig ist die sehr dunkle Färbung des Orchesters, das von den Bassinstrumenten dominiert wird, vor allem von den beiden Kontrabässen. Der Aufnahmeort, eine ziemlich hallige romanische Kirche in Katalonien, hat diesen Effekt noch verstärkt.

Richtung Beethoven

Derzeit setzt sich Savall mit den Sinfonien von Ludwig van Beethoven auseinander, und er sieht eine enge Verbindung von Mozarts letzten Sinfonien zu denen des musikalischen Revolutionärs. "Sie haben auch dieses Ideal von Freiheit, von einer Welt, wo man besser lebt, von mehr Gerechtigkeit", findet Jordi Savall.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur