CD Cover: Guy Braunstein "Tchaikovsky Treasures"
Bild: Pentatone

CD DER WOCHE | 29.04. - 03.05.2019 - "Tchaikovsky Treasures"- Violinkonzert und Phantasien

Guy Braunstein gehört mit diesem Album, mit seinem intensiven Geigenspiel und seiner unerschöpflichen klanglichen Phantasie in eine Reihe mit den ganz großen Geigern. Ohne sich dabei selbst zu überschätzen.

Mehr als zehn Jahre lang war der israelische Geiger Guy Braunstein Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Im Jahr 2013 hat er diese Position zugunsten einer Solistenkarriere aufgegeben. Gerade hat der Wahlberliner das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky aufgenommen, dazu eigene Rhapsodien über Themen, die Tschaikowsky für seine Oper "Eugen Onegin" und für das Ballett "Schwanensee" komponiert hat.

Gesichter

"Ich versuche in den Kopf des Komponisten hineinzukommen", sagt Guy Braunstein, "und ein gutes Foto zu machen, von der Stimmung und dem Gesicht, das er zeigt". In seinem Violinkonzert zeige Peter Tschaikowsky mindestens drei Gesichter: ein melancholisches, ein klassizistisches und ein folkloristisches.

Tschaikowsky vereint alle drei in einem der größten Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts. "Er springt vom einem zum anderen,  so organisch und so homogen, wie fast kein anderer Komponist."

Kraftfeld

Der 1971 in Tel Aviv geborene Guy Braunstein spielt Tschaikowskys Musik mit einer Energie, die in der direkten Umgebung des Musikers wie ein starkes Kraftfeld zu spüren ist. Auf der Bühne und auch im Aufnahmestudio läßt Braunstein seine enorme physische Präsenz dann über den Bogen in seine Ruggieri fließen - ein Instrument von 1679, mit ganz und gar besonderen Eigenschaften. "Mit diesem Instrument muss ich nur denken, welchen Klang ich für eine bestimmte Stelle haben möchte. Und das Instrument produziert dann genau das, was ich suche."

Zwillinge

In Tschaikowskys Violinkonzert kann Guy Braunstein seine ganze Virtuosität ausspielen, eingebettet in farbige Orchesterklänge, die das BBC Symphony Orchestra formt.

Kirill Karabits sei der ideale Dirigent für diese Musik, meint Braunstein, der den russischen Dirigenten seinen "musikalischen Zwillingsbruder" nennt. "Er versteht diese Musik genau wie ich: leicht und trotzdem kraftvoll, spritzig aber nicht bombastisch, melancholisch aber nicht schmalzig."

Liebesgesang

"Die Canzonetta", erklärt Braunstein, "dort kommt alles vom ersten Klarinettensolo, dem Holzbläserchoral. Die Stimmung, die sie für mich produziert haben muss ich weiterführen, aber jetzt alleine. Und diese Loneliness spaziert durch das erste Thema. Das ist ein Liebesgesang - natürlich wissen wir nicht, wer das Subjekt von Tschaikowskys Liebe war, aber das ist ein Liebesgesang!"

Phantasie

Auf den langsamen Satz folgt das rasante Finale des Violinkonzerts. Eigentlich wäre damit schon der Höhepunkt des Albums erreicht. Doch im Programm der CD ist das Konzert für Braunstein nur ein Bezugspunkt, eine "Referenz". Denn nun folgen drei eigene Rhapsodien über Themen von Tschaikowsky. Darin steigert Braunstein noch einmal Ausdruck und Virtuosität. "Dieser "Pas de Deux" fängt mit einem Walzer an und danach, kommt der "Schwarze Schwan". Das ist im Original von Tschaikowsky für Leopold Auer als Konzertmeister komponiert, ein großes Geigensolo. Die ersten 16 Takte dieses Solos habe ich so genommen, wie es im Original ist - danach habe ich über diese 16 Takte meine Phantasie losgelassen."

Guy Braunstein
Bild: Hans-Ackermann

Vorbilder

Mit dem "Loslassen seiner Phantasie" folgt Guy Braunstein berühmten Vorbildern und stellt sich damit in eine Reihe mit den ganz großen Geigern: Fritz Kreisler, Joseph Joachim oder Leopold Auer. Und genau dort gehört Guy Braunstein mit diesem Album, mit seinem intensiven Geigenspiel und seiner unerschöpflichen klanglichen Phantasie auch hin - ohne sich dabei selbst zu überschätzen: "Diese großen Meister waren viel besser als wir heute. Sie haben die Geschenke der Komponisten bekommen und haben dann ihre Bearbeitungen und ihre neuen Fassungen zurückgeschenkt. Damit  haben sie die Geigenliteratur reicher gemacht."

Hans Ackermann, kulturradio