Antonio Vivaldi: Concerti per violino Vll "Per il castello"; Montage: rbbKultur
Bild: Naïve

CD DER WOCHE | 13.01. – 19.01.2020 - Antonio Vivaldi: Concerti per violino VII "Per il castello"

Die "Vivaldi Edition" ist eines der größten Aufnahmeprojekte der Gegenwart, für die alle 450 Vivaldi-Werke in der Turiner Nationalbibliothek eingespielt werden sollen. Die Accademia Bizantina aus Ravenna stellt in Folge 62 nun sechs seiner letzten Violinkonzerte vor, in denen sich der "rote Priester" in Richtung des galanten Stils bewegt.

Da dies innerhalb der Edition bereits die siebte CD mit Violinkonzerten ist – nur drei weitere sind noch geplant – hatte der Solist Alessandro Tampieri nicht mehr viel Auswahl. Der Geiger, seit 2011 Konzertmeister der Accademia Bizantina, entschied sich für sechs Werke, die allesamt in der letzten Phase von Vivaldis Leben entstanden sein dürften.

Später Verkauf

Genau einen Monat vor seinem Tod unterschrieb Antonio Vivaldi eine Quittung über zwölf ungarische Dukaten für eine Lieferung von Kompositionen an den Grafen Collalto. Der 63-jährige Komponist befand sich finanziell in einer prekären Lage und war nach Wien gekommen, um sich neue Aufträge zu sichern. Dies ging offenbar schief, auch wegen des Todes von Kaiser Karl VI. und der anschließenden Staatstrauer. An den Grafen aus einem alten venezianischen Adelsgeschlecht, der auf dem ererbten Schloss Brtnice in Mähren residierte, konnte er aber noch ein Bündel Noten verkaufen.

Reife Werke

Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um die 15 Konzerte, die in einem Verzeichnis der Sammlung Collalto aufgeführt sind. Etwa die Hälfte dieser Werke hat sich erhalten. Allerdings hat Vivaldi sie nicht erst in Wien komponiert, sondern sie dürften fünf bis zehn Jahre vorher entstanden sein – die exakte Datierung derartiger Manuskripte ist bei fehlender Jahresangabe nur sehr schwer möglich. Ihr Stil weist sie dabei als reife Kompositionen des Venezianers aus.

Anspruchsvolle Konzerte

Die sechs Konzerte auf der CD sind höchst virtuos. Normalerweise, so sagt Ensembleleiter Ottavio Dantone, würde sich kein Violinist ein Programm ausschließlich mit solch anspruchsvollen Stücken zusammenstellen. Zumal ihr Klangeindruck trügerisch sei, denn das Publikum merke teilweise die technischen Anforderungen gar nicht: "Häufig wählen Geiger Stücke aus, die Eindruck machen und nicht so schwierig sind; diese hier sind schwierig, klingen aber manchmal nicht so beeindruckend."

Galanter Stil

Mit seinem raffinierten Understatement weist Vivaldi weg vom typischen Barock in Richtung des "galanten" Stils. Die Sätze klingen hier lyrischer, Affekte werden wichtiger und die Melodien sind stärker ausgeschmückt. Zudem zeigt sich in Vivaldis Konzerten eine große Klangvielfalt. "Jedes Mal hört man eine andere Art, das Konzert zu eröffnen, ständig wird man überrascht. Man muss nur warten – und etwas Interessantes geschieht. Mit jedem Stück, das anfängt, beginnt ein neues Abenteuer", findet Ottavio Dantone.

Unaffektiertes Spiel

Ungewöhnlich ist, dass Vivaldi für die meisten der langsamen Sätze auf der CD Verzierungen der Solo-Stimme aufgeschrieben hat. Üblicherweise improvisierten die Solisten diese damals ad hoc. Für Dantone besitzen Vivaldis Ausschmückungen beispielhaften Charakter und er nennt sie sogar "visionär".

Alessandro Tampieri spielt die langsamen Sätze schwelgerisch und die schnellen Abschnitte unaufgeregt, absolut virtuos, aber ohne sich dabei aufzuplustern. Die aus 13 Mitgliedern um den Cembalisten Dantone bestehende Accademia Bizantina begleitet in ihrer typischen Art, stilsicher und ohne extreme Tempi und Phrasierungen.

Cover-Exzentrik

Ein wenig im Kontrast zum Vortrag der Musiker steht das Coverbild der CD, das Brustbild eines jungen Models mit schrillem Makeup und mit extravagantem Haar- und Halsschmuck. Doch Covers in diesem auffälligen Stil sind ein Markenzeichen der "Vivaldi Edition" und für jede Folge produziert die Fotografin Denise Rouve ein neues.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur