Kuss Quartett: Beethoven – Sämtliche Streichquartette; Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 30.03. – 05.04.2020 - Kuss Quartett: Beethoven – Sämtliche Streichquartette

Das Kuss Quartett leistet seinen Beitrag zum Beethoven-Jahr und legt eine Gesamteinspielung seiner Streichquartette vor. Aufgenommen live in der Suntory Hall in Tokyo, gespielt auf Stradivari-Instrumenten.

Jahreslanges Vergraben im Tonstudio wäre nichts gewesen für das Kuss Quartett. Weil aber 2019 ohnehin eine Konzerttournee mit dem gesamten Beethoven-Streichquartett-Zyklus anstand, keimte der mutige Gedanke: Warum nicht live aufnehmen? Das Repertoire war schließlich bestens geprobt.

Ein mutiger Plan

Der Entschluss zog noch akribischere Probenarbeit nach sich. Jedes musikalische Detail wurde ausdiskutiert und ein feinmaschiges Sicherheitsnetz gewebt für das Projekt "Konzert ist gleich Aufnahme". Bis es, mitten im konzentrierten Fein-Tuning, zum gemeinschaftlichen Erwachen kam. Davon berichtet Geiger Oliver Wille und beschreibt, wie die absichernde Herangehensweise über Bord geworfen wurde. Live müsse wirklich "jetzt" bedeuten und "in dem Moment". Beethoven zu spielen hieße Risiko zu gehen, absolute Freude zuzulassen und auch mal Wut.

Ausruf der Freiheit

Das Kuss Quartett begann in den nächsten Konzerten regelrecht "Spontaneität zu üben". Mitschnitte wurden gemeinsam abgehört und genau überprüft: Was funktioniert gut? Wer darf wo noch mehr geben? Muss mehr führen oder stärker reagieren? Trainiert wurde der Mut zur Freiheit. Der sollte sich in Tokyo auszahlen. Wobei es dann doch ein dünnes Sicherheitsnetz gab. Jeweils nach dem Konzert waren Korrekturaufnahmen angesetzt. Mal für Patzer, seltener für Huster. Die Suntory Hall hat ein anderes Publikum als die Berliner Philharmonie. Japan sei der genau richtige Ort für Live-Aufnahmen, sagt Oliver Wille.

Vergoldet und mit Zugabe

Der Marathon der Konzertabende mit Beethovens Streichquartetten in chronologischer Reihenfolge wäre eigentlich Ausrufezeichen genug. Doch das Projekt des Kuss-Quartetts ist dazu noch klanglich vergoldet. Mit den vier Stradivari-Instrumenten, die die japanische Nippon-Stiftung an den Musiker-Nachwuchs verleiht oder eben für Ausnahme-Projekte wie dieses. "Stradivari-Beethoven mit Live-Kick" – so ließe sich die Box mit den acht CDs vielleicht beschriften. Untertitel: Musikalische Emphase, metrische Freiheit – doch alles in Kuss Qualität.

Eine Zugabe gibt es auch. Die 16 Beethoven-Streichquartette in 11 Minuten, motivisch verwoben in der "Beethoveniana", einer Auftragskomposition von Bruno Mantovani. Ein verwegenes Hörrätsel, ein augenzwinkernder Abschluss.

Ulrike Jährling, rbbKultur