Trombone Unit Hannover: Living on the edge © Genuin
Bild: Genuin

CD DER WOCHE | 20. – 26.01.2020 - "Living on the edge"

Für die acht Posaunisten der "Trombone Unit Hannover" gibt es keine stilistischen Grenzen. So wie bei ihren Konzerten, spielen sie auch auf unserer CD der Woche Musik aus verschiedenen Jahrhunderten: Werke von Händel, Prokofiev und Modest Mussorgskij.

"Unglaublich viele Farben" hätten die Bilder einer Ausstellung in der Orchesterfassung, erzählt Michael Zühl, "und das Interessante ist, dass wir versuchen, diese vielen Orchesterfarben mit acht Posaunen, mit verschiedenen Dämpfern, mit verschiedenen Instrumenten - Bassposaune, Altposaune, Tenorposaune - zu imitieren und mit unserer Besetzung zu variieren."

Soloposaunisten aus verschiedenen Orchestern

Michael Zühl  ist in der "Trombone Unit" für die Bassposaune zuständig. Für rund 20 Konzerte pro Jahr reisen die Musiker des 2006 gegründeten Ensembles aus verschiedenen Städten zu gemeinsamen Proben und Auftritten an. Alle sind Soloposaunisten in renommierten Sinfonieorchestern. Michael Zühl bei der Deutschen Radio Philharmonie in Saarbrücken, andere  spielen im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, an der Hamburger Staatsoper oder bei den Bamberger Symphonikern - erstklassige Musiker, die in ihren Orchestern auf höchstem Niveau musizieren.

Trombone Unit Hannover © Irène Zandel
Bild: Irène Zandel

Grenzüberschreitungen bei Mussorgskij

Beim "Gnomus" aus den Bildern einer Ausstellung müsse man mit dem Ensemble dann aber sogar noch über die Grenzen des Spielbaren hinausgehen, erzählt Zühl: "Beim "Gnomus" ist  es ja so, dass im Orchester ein Wechselspiel zwischen den Gruppen stattfindet. Wir versuchen, das nachzuspielen. Dadurch sind oftmals sehr schnelle Dämpfer-Wechsel nötig. Wenn wir das im Konzert spielen, wirkt das ein bisschen hektisch auf der Bühne, weil man wenig Zeit hat, einen Dämpfer herein oder herauszunehmen und gleich weiter zu spielen. Bei Live-Aufführungen ist das schwer umzusetzen, aber wir versuchen es natürlich auch da."

Auftakt mit Händel

Zum Auftakt der CD spielen die acht Posaunisten eine Bearbeitung der "Feuerwerksmusik" von Georg Friedrich Händel - für Zühl und seine Mitspieler gleich zu Beginn eine echte Herausforderung: "Filigran schnell und virtuos sind bei der Händel-Ouvertüre vor allem die Alt-Posaunenstimmen. Wenn man das sehen und nicht nur hören würde, man würde denken, um Gottes Willen, man kann ja gar nicht zugucken, wie schnell sich der Zug da bewegt!"

Keine Konkurrenz zur kleinen Schwester

Vielleicht strengen sich die acht Posaunisten bei Händel auch besonders an, weil dort im Original Trompeten mit ihrem strahlend-festlichen Klang den Ton angeben? Nein, meint Michael Zühl, kein Posaunist müsse sich vor der "kleinen Schwester" verstecken:   "Also, wenn ich unsere hohen Alt-Posaunisten so anhöre, wie die brillieren auf der Alt-Posaune bei der Händel-Ouvertüre, dann fehlt mir gar nicht mehr viel zu einer Trompete. Ich hätte kein Problem damit, wenn Händel Alt-Posaunen anstelle der Trompeten besetzt hätte."

Tanz der Ritter

Mit ihrem schmetternden Klang und Lautstärken von über 100 Dezibel werden Posaunen bei Orchester-Aufnahmen auch schon mal hinter einen Schallschutz aus Plexiglas verbannt. Dabei können die kraftvollen Instrumente durchaus auch zarte Töne spielen -  und in Prokofievs " Romeo & Julia-Suite" sogar zu Tänzern werden. Das Album "Living on the edge" präsentiert auch diese beschwingte Seite einer einmaligen Bläsergruppe.

Raffinierte Arrangements

Das Ensemble profitiert vor allem von der grenzenlosen Bearbeiter-Kunst ihres schwedischen Arrangeurs, wie Michael Zühl betont:  "Lars Karlin hat bei der Prokofiev-Suite angefangen, in seinen Arrangements dazu zu schreiben, welche Instrumente man gerade imitiert. Und das hilft unglaublich, dass man im Spielen genau weiß, wie und in welche Richtung man spielen und seinen Klang entwickeln soll. Wenn man weiß, an dieser Stelle ist es ein Flötenpart -und die Flöte spielt butterweiche Sechzehntel-Kaskaden - wenn man sich das vorstellt, dass das ursprünglich ein Flötist spielt, dann wird es schon viel leichter, als wenn man einfach nur dasteht und Posaune spielt."

Hans Ackermann, rbbKultur